Dass nichts bleibt, dass nichts bleibt wie es war…

Der vorherige Eintrag sollte eigentlich mein letzter Blogeintrag gewesen sein. Von vielen Leuten wurde mir gesagt, wie gern sie diesen Blog gelesen haben und dass sie gerne einen „nach-Israel“ Blog hätten. Doch das hier soll tatsächlich mein Studienjahrsblog sein und bleiben und deswegen habe ich mich entschlossen, unter http://www.weltenbummlerinunterwegs.wordpress.com einen neuen Blog einzurichten – dieser wird sicherlich nicht so regelmäßig geführt werden wie Annikameetsarak, aber ich habe durch die Zeit in Israel meine Lust am Reisen (und auch am Schreiben) neu entdeckt. Wenn der liebe Gott uns schon diese schöne Welt geschenkt hat, dann will ich sie mir auch angucken! Und wer möchte, darf gerne an eben genannter Stelle mit mir zusammen ebendiese Welt entdecken.

Meine Gedanken sind immer noch ständig in Jerusalem. Dabei erscheint es fast wie in einem anderen Leben. Wie eine Ewigkeit scheint es her zu sein, dass ich an der Dormitio war.

Ich vermisse es, meinen Wecker um 6:30 Uhr zu hören und als erstes die Berge Jordaniens und die aufgehende Sonne zu beobachten, bevor ich mich auf den kurzen Weg in die Abtei begebe um den Tag mit der Konventsmesse zu beginnen. Ich vermisse es mit meinen Studienjährlern im Vorlesungssaal zu sitzen und in der Pause schnell aufs Zimmer zu flitzen – oder in Richtung Speisesaal, wo ein leckerer Kuchen von Nana steht oder ein frisch gefüllter Obstkorb. Ich vermisse meine Studienjährler, ihre Witze und Umarmungen, ihre Gespräche und Pläne, ihre Diskussionen und all das, was jeden einzelnen und die Gruppe ausmacht. Ich vermisse die bis an den Rand gefüllten Stundenpläne und das Haare-Raufen, wenn ich mir überlege, wie ich all das schaffen soll, was in der Woche ansteht. Ich vermisse die Stundengebete in der Abtei und die Mönche, ihr Singen, Gebet und ihre Musik, die Gespräche und das Lachen mit ihnen. Ich vermisse die verwinkelten Straßen der Altstadt, den frisch gepressten Granatapfelsaft, die Düfte und Menschen, die gleichermaßen durch den Suq ziehen und als Gegensatz dazu die weitläufige Jaffa-Street und die Mamila mit ihrem modernen Ambiente. Ich vermisse die Zwischenstops beim jüdischen Bäcker und die Klagemauer mit ständig anhaltenden Gebet, das mir dort jedes Mal aufs Neue kurz den Atem raubt. Ich vermisse den Ölberg und den Blick von Dominus flevit auf die Altstadt genauso wie ich den Weg von der Neustadt entlang der Altstadtmauer hinunter zum Jaffa-Tor vermisse und dabei stets auf die Dormitio schaue. Ich vermisse so vieles, dass es mir immer wieder die Tränen in die Augen und einen dicken Kloß in den Hals treibt. Besonders an einem Hochfest wie Pfingsten war es der Fall – wie gerne hätte ich das ganze Kirchenjahr einmal an der Dormitio gefeiert! Und wie sehr entschwebten meine Gedanken, als wir im Freiburger Münster zur Pfingstvesper Psalm 147 beteten. Wie sehr entschweben jedes Mal meine Gedanken, wenn in Lesung, Evangelium, Psalmen oder sonstigen Texten in der Liturgie das Wort „Jerusalem“ auftaucht! Da sehe ich sie vor mir stehen, die Stadt, die leuchtet wie Gold. Dann schaue ich bei allen Fluggesellschaften nach und überlege, für wann ich den nächsten Flug buchen soll.

Schnell habe ich mich an Deutschland „gewöhnt“ und bin mit meinem Denken, Handeln und Fühlen doch noch so sehr in einem anderen Land. Ich sage „Joffi“, wenn ich „gut, okay“ meine, betrete einen Raum mit einem „Sahlom“ und ich spreche ein langgezogenes „toooooov“, wenn ich sagen will: „gut, schön!“. Ich schiebe mich an Menschen auf der Straße vorbei und erwische mich, wie ich dies mit einem „slicha“ und nicht mit „Entschuldigung“ auf den Lippen tue. Ich rechne beim Einkaufen von Euro in Schekel um und bewerte nach israelischen Währungsmaßstäben. Ich suche verzweifelt nach den Shops in der Altstadt, nach dem freundlichen und oft auch leicht aufdringlichen Rufen der Geschäftsinhaber. Ebenso suche ich oft vergeblich nach dem Lächeln im Gesicht der Menschen, denen es doch in Deutschland so gut geht und die ihr Leben dennoch nicht mit der gewissen Leichtigkeit leben können, wie sie ihr Israelis und Palästinensern innewohnt. Ich wundere mich über Maßstäbe, die hier gesetzt werden und denke mir: lieber in einem leicht ramponierten Sherut sitzen als mich über die fünfminütige Verspätung der Deutschen Bahn aufregen. Ich habe so viel an der deutschen Mentalität auszusetzen, dass ich mir fast schlecht dabei vorkomme. Die riesigen deutschen Supermärkte stellen eine Überforderung dar: wo finde ich hier was? Was ist aus den kleinen Straßenshops geworden? Ich wache früh morgens auf und wundere mich, warum der Muezzin nicht singt. Ich vermisse die singenden Menschen und die laute arabische Sprache, wenn ich durch die Stadt laufe. Ich halte Ausschau nach dem bunten Gewusel der verschiedensten Menschen und finde es einfach nicht. Ich vermisse die Juden mit Kippa oder Pelzhut, die kleinen Jungen mit langen Schläfenlocken und die Frauen in ihren schwarzen Röcken und mit zurückgebundenem Haar und freue mich jedes Mal, wenn ich hier eine arabische Frau mit Kopftuch sehe – sie vermittelt mir ein Gefühl von Heimat und ist Zeichen für einen Islam, den ich in Israel so zu bewundern und schätzen gelernt habe. Ich sehe mit Besorgnis die Nachrichten über die arabische Welt im Fernsehen und fühle mich den Geschehnissen so nahe. Ich stelle ständig fest, dass es hier nirgends einen Eiskaffee gibt, der an den Ice splended Mocca vom Kaffeeladen in der Jaffa heranreicht. Ich merke in fast jedem Gottesdienst, wie „liturgieverwöhnt“ ich an der Dormitio geworden bin und rege mich darüber auf, wenn die Heilige Messe nicht so zelebriert wird, wie es die Universalkirche tut und das Messbuch es vorschreibt. Ich sehne mich nach der Liturgie in der Dormitio. Ich sehne mich nach der warmen Sonne des Orients, die über Israel scheint und nach der Dachterrasse, auf der eine kühlende Brise weht. Ich sehne mich nach dem Gefühl, genau am richtigen Platz zu sein, an dem Ort, wo ich hingehöre. Ja, ich habe furchtbares Heimweh nach Jerusalem. Heimweh und eine Sehnsucht, die erst dann gestillt wird, wenn ich wieder einmal in Tel Aviv landen und im Sherut nach Jerusalem sitzen werde.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Allgemein

Eine Antwort zu “Dass nichts bleibt, dass nichts bleibt wie es war…

  1. monika

    Ach Annika, wie recht hast Du … !!! Danke für diesen weiteren Beitrag. Ich werde Deinen neuen Block einspeichern und ich freue mich, wieder von Dir zu lesen, was Du so machst und tust …
    Lieben Gruß
    Monika

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