Wenn ich dich je vergesse, Jerusalem…

Heute vor zwei Wochen ging mein Rückflug von Tel Aviv nach Frankfurt, seitdem bin ich wieder in Deutschland. Herzlich wurde ich von meiner Familie empfangen und blieb dann einige Tage in Köln, um Familie und Freunde zu treffen. Danach fuhr ich nach Freiburg und habe nun auch meine neue Bleibe bezogen – in meinem Zimmer sieht es zugegebenermaßen noch sehr chaotisch aus, aber das wird sich auch geben, wenn mal alle Kisten ausgepackt sind.

Am Anfang hatte ich einen kleinen Kulturschock: Deutschland ist so sauber, symmetrisch, pünktlich. Deutschland ist so gar nicht wie Israel. Und doch ist hier alles so wie immer. Ich gehe durch bekannte Straßen, treffe alte Freunde wieder – nichts hat sich verändert. Und trotzdem habe ich das Gefühl, dass doch nichts so ist wie noch im August vergangenen Jahres. Dann stelle ich fest:  Ich bin diejenige, die sich verändert hat.

Von allen Seiten werde ich gefragt: Und, wie war es? Mittlerweile habe ich einen Standardsatz, den ich auf diese Fragen herunterspule. Denn ganz ehrlich: Wie soll ich die letzten acht Monate kurz und knapp zusammenfassen? Deswegen sage ich immer nur: Schön war’s!

Die Zeit in Jerusalem kommt mir fast unwirklich vor. Es ist so, als ob ich nur geträumt hätte – und jetzt wieder aus diesem wundervollen Traum aufwachen musste. Mein Blick auf Deutschland ist noch verschleiert: Bin ich tatsächlich schon aufgewacht? Dabei kam mir die Zeit in Jerusalem so echt und lebendig vor wie keine andere Zeit in meinem Leben. Ist vielleicht Deutschland nur der Traum und ich wache morgen wieder in meinem Bett im Beit Josef auf? Es ist so, wie man es mir sagte: Der Körper ist zwar hier in Deutschland, aber die Seele kann man nicht einfach ins Flugzeug setzen und in vier Stunden ankommen lassen. Sie ist zu Fuß unterwegs. Ich glaube, dass meine Seele sich immer noch an einem wunderschönen Fleckchen Erde auf dem Zionsberg in Jerusalem befindet. Und ich weiß nicht, wann sie vorhat den Heimweg anzutreten.

Momentan merke ich, dass ich nicht zu viel über Jerusalem nachdenken kann und darf: Ja, ich erzähle davon, aber ich versuche mir die Orte, Begegnungen und Begebenheiten nicht wirklich vorzustellen. Würde ich das tun, so würde ich vermutlich jedes Mal in Tränen ausbrechen. Ich versuche ein wenig, die Zeit zu verdrängen – nicht, weil ich nicht gerne daran zurückdenken möchte, sondern weil mir sonst jedes Mal aufs Neue klar wird, dass sie nun vorbei ist.

Doch eigentlich weiß ich, dass das Studienjahr nur der Anfang war. Die Zeit auf dem Zion kann mir niemand mehr nehmen: und sie geht weiter. Ich werde, da bin ich mir sicher, immer wieder an den Ort zurückkehren, der mir zur Heimat geworden ist. Und derweil geht das Leben in der alten und neuen Heimat weiter – und auch hier ist es schön.

Hiermit ist nun der letzte Blogeintrag auf „Annikameetsarak“ geschrieben und veröffentlicht. Ich danke allen fürs Hereinschnuppern oder regelmäßiges Verfolgen der Einträge, fürs Mitlesen, Miterleben und Mitteilen der Gedanken, die dabei so aufkamen, fürs Mitfreuen, Mitlachen und vielleicht auch manchmal fürs Mitweinen über dieses Heilige Land, dem man den Frieden, von dem es so weit entfernt ist, doch so sehr wünscht – wenn ich ein Stück israelisches Gefühl in die deutschen Wohnzimmer bringen konnte, dann hat es sich gelohnt, diesen Blog zu schreiben. Und mir selbst hat es auch geholfen: Hier konnte ich meine Erlebnisse verarbeiten und ordnen. Es hat mir großen Spaß gemacht, Euch und Ihnen Anteil geben zu dürfen am 39. Theologischen Studienjahr: Denn geteilte Freude ist doppelte Freude.

Wenn ich nun durch die Straßen ziehe, dann sehe ich die Freiburger Straßen und Menschen. In meinen Gedanken aber tauchen immer wieder Bilder von Jerusalem und besonders von der Dormitio auf. Voll Dankbarkeit und mit einem gewissen Grad an Traurigkeit schaue ich mir dann die Filme an, die sich in meinem Kopf abspielen.

Wenn ich dich je vergesse, oh Jerusalem… (Ps 137,5) – nein, das wird nicht geschehen.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Allgemein

Eine Antwort zu “Wenn ich dich je vergesse, Jerusalem…

  1. monika

    Liebe Annika,
    danke für Deine ehrliche Einschätzung … Diese „Verwirrtheit“ ist „normal“! Ich war – als ich erfahren hatte, jüdische Verwandtschaft zu haben – auch ziemlich verwirrt. Aber über viele Jahre habe ich Erfahrungen gesammelt … zum Judentum, aber auch zu diesem Jesus (der ja auch Jude war). Und evtl. gehe ich im nächsten Jahr noch einmal nach Jerusalem …
    Dir gutes Eingewöhnen in Freiburg (wunderschön dort!) und einen guten Anschluss an das SS 2013 – immer noch mit vielen „Bildern“ … – die kann Dir niemand mehr nehmen!
    Lieben Gruß
    Monika

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