Niemals geht man so ganz

Es ist mein letzter Abend in Jerusalem, morgen geht es wieder nach Deutschland: Unser Studier- und Wohnhaus hat sich ganz geleert, ich bin die letzte verbliebene Studentin im Haus. Den ganzen Tag bin ich mit dem Wort „letzte/r/s“ im Kopf durch die Gegend gelaufen: Meine letzte Sonntagsmesse, einen letzten Eiskaffee in der Dormitio-Cafeteria, die letzte Vesper, ein letzter Spaziergang durch die vertraut gewordenen Gassen Jerusalems, das letzte Abendbrot im Speisesaal, die letzte Komplet, ein letztes Mal den Blick von der Dachterrasse aus genießen – die Liste könnte ewig weitergehen. Immer wieder kommen mir Momente der letzten acht Monate hoch: Ich bin doch erst vor Kurzem gelandet und in Jerusalem angekommen…

Was und wen ich vermissen werde?

… die Frühmesse um 7.15 Uhr in der Abtei – welch wundervoller Start in den Tag!

… Studienjährler, auf die man sich überall und immer verlassen kann: Die die Hand reichen, aufbauen, lachen, lernen, studieren, singen, diskutieren, abstimmen …

… die Stundengebete bei den Mönchen. Jede einzelne. Nun gut, die Laudes nicht so sehr, da war ich fast nie. Aber Mittagshore, Vesper und Komplet, die traumhaft schöne Vigil am Samstag Abend.

… Kantorendienste in der Sonntagsmesse und anschließende Schwätzchen in der Cafeteria.

… Cafeteria-Besuche – mit Dormition Cake, Eiskaffee und einer kuscheligen Couch.

Wer singe Püngel schnürt  söök wo'e hinjehührt  hätt wie ne Zochvuel nit nur ei Zohuss.

Wer singe Püngel schnürt
söök wo’e hinjehührt
hätt wie ne Zochvuel nit nur ei Zohuss.

… Ansagen und Abstimmungen nach den Mahlzeiten.

… Ziellos durch den Suq streifen, in aller Ruhe die Düfte und Auslagen an sich vorbeiziehen lassen.

… Die Mönche der Abtei, die einfach immer da waren, ein offenes Ohr und ein großes Herz für alle Belange haben und mit denen ich in Liturgie, Gesprächen und Musik unvergessliche Stunden verbringen durfte.

… Der Blick auf die Dächer der Altstadt von meinem Lieblingsplatz aus.

Ich mag diesen Blick einfach besonders gerne!

Ich mag diesen Blick einfach besonders gerne!

… kreative Tischgebete: „Lieber Gott, wir danken Dir, dass Du uns mit diesem Essen nicht vergessen lässt, dass wir uns noch in den Kartagen befinden“, „Guter Gott, hab Dank für das Essen. Und einen schönen Tag noch!“ Oder wir singen halt irgendwas. Vielleicht sierra madre del sur?

… Stromausfall, nicht funktionierende Heizungen, überflutete Gebäudeteile.

… die spannenden Vorlesungen und die Zeiten, die man mit den Professoren verbringt und sie als „ganz normale Menschen“ kennenlernt: beim Bier, auf der Dachterrasse, beim Abspülen in der Küche, beim Nutella-Banane-Essen, auf Exkursionen, Wanderungen, und und und.

… singende und tanzende Studienjährler.

Manchmal darf ich auch Gitarre spielen - allerdings beherrsche ich nur die ersten Akkorde von "Smoke on the water" - diese spiele ich aber wieder und wieder und wieder. Und zwar voller Inbrunst!

Manchmal darf ich auch Gitarre spielen – allerdings beherrsche ich nur die ersten Akkorde von „Smoke on the water“ – diese spiele ich aber wieder und wieder und wieder. Und zwar voller Inbrunst!

… das täglich etwa zwanzigmal abgeschossene Feuerwerk aus verschiedenen Privathäusern bei Tag und Nacht, dessen Sinn, Zweck und Funktion ich bis heute nicht ergründen konnte.

… „meinen“ Armenier, der auch dann geöffnet hat, wenn die Juden Schabbat haben und mir stets den leckeren Arak verkauft.

… Die Frage, ob man den Reisepass mit auf die Exkursion nehmen muss. Und wie viel Wasser benötigt wird.

… Schabbat-Gottesdienst in der Reformsynagoge.

… durch den Garten rüber zur Abtei zu laufen: bei Wind und Wetter!

… Exkursionsfood:  Pita, Hummus, Käse und Gurken. Zitronenschnittchen. Und Butterkekse.

… Muezzin, Kirchenglocken und Schabbat-Sirene.

Die schönste Kirche Jerusalems ist natürlich die Dormitio!

Die schönste Kirche Jerusalems ist natürlich die Dormitio!

… Arbeitssessions im Vorlesungssaal, die irgendwann unterbrochen werden mit Tänzen, Herr der Ringe-Zitaten und Schabbatliedern.

… Chorproben im Vorlesungssaal – gerne auch bei Stromausfall oder nach einem 12-Stunden-Tag Uni.

… Diese Abende, wo man nach dem Spülen im Speisesaal versackt bei Bier, Nutellabanane und ewig langen Gesprächen.

… Unsere Dachterrasse, die so einen schönen Ausblick hat!

Zum Beispiel kann man auf den Ölberg schauen.

Zum Beispiel kann man auf den Ölberg schauen.

… Tiefgefrorenes Brot zum Frühstück und zum Abendessen. Außerdem die Frage, um was für Früchte es sich denn dieses Mal im Obstkorb handelt.

… Spüldienst mit Spülteam 3, welches auch den Namen „die Sprachlosen“ oder wahlweise „Annika and the Protestants“ trägt.

… Sechskammertore, Miqwen und wegerodierte Mauern.

… Eilig durch den Suq hetzen und sich denken: wäre ich doch nur außen rum gelaufen!

… Die Stunden im Vorlesungssaal außerhalb des Pflichtprogrammms, die immer mehr als nur lustig waren.

… Yalla, Yalla! You wanna see my shop? Sorry, are you Deutsch?

Das gelbe Harmonie-Zimmer unterwegs in Akko.

Das gelbe Harmonie-Zimmer unterwegs in Akko.

… Goldstar für 8 NIS im Beit Joseph und für den dreifachen Preis in der Neustadt.

… Yalla, shabab! Exkursionsgang 2 einlegen!

… dass Jerusalem auch abends bei Nieselregen nicht wirklich dunkel wird. Der helle Jerusalem-Stein und ein leicht bewölkter Himmel lässt die Stadt auch dann erstrahlen, wenn sie nur von Straßenlaternen erhellt wird.

… Jerusalem: Eine Stadt, mit der man wahrlich nicht zu Rande kommt!

… und so vieles mehr, was ich jetzt gar nicht alles aufschreiben kann.

Momentan ist es nur ein vollkommen absurdes Gefühl: Das Studienjahr ist vorbei? Ich muss weg von der Dormitio? Ich kann das noch nicht richtig fassen und bin unendlich traurig.

Das Logo des 39 Theologischen Studienjahres auf der Wand des Tunnels, der Abtei und Studienhaus miteinander verbindet.

Das Logo des 39. Theologischen Studienjahres auf der Wand des Tunnels, der Abtei und Studienhaus miteinander verbindet.

Von ganzem Herzen möchte ich DANKE sagen für acht Monate, die so unglaublich lehrreich, intensiv, voller Lebensfreude und wundervoll waren: DANKE, meine lieben Menschen vom 39. Theologischen Studienjahr, dass ich mit euch zusammen diesen Weg gehen durfte. DANKE, liebe Mönche von der Dormitio, dass ihr mir eine geistliche Heimat geboten habt und ich mich immer willkommen gefühlt habe! Ich kann euch nicht sagen, wie sehr ihr mir alle fehlen werdet. DANKE für diese acht Monate, an denen ich versucht habe Euch Blogleser teilhaben zu lassen – und oftmals haben mir die Worte gefehlt. Sie fehlen mir auch jetzt. Deswegen ist es gut, dass ich als Kölnerin auf einen Liedschatz zurückgreifen kann, der für jede Lebenssituation etwas hergibt:

Ich weiß, dass es kein Abschied für immer ist, sondern nur ein Abschied auf Zeit: Niemals geht man so ganz, irgendwas von mir bleibt hier. Nie verlässt man sich ganz, irgendwas von Dir geht mit. Es hat seinen Platz immer bei mir…

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Allgemein

2 Antworten zu “Niemals geht man so ganz

  1. haflingergirl88

    Hallo meine Liebe Annika!
    Das Video ist sehr schön und ergreifend. Vor allem, wenn man Dirk Bach sieht. Für ihn wurde dieses Lied von seinen Kollegen neu aufgenommen und klingt auch wunderschön.
    Deine Abschiedsschmerz verstehe ich sehr gut. Aber ich wünsche Dir trotzdem, dass Du wieder gut in Deutschland ankommst.
    Gottes reichen Segen!

  2. Walther Lipphardt

    O, Annika Schmitz,
    das war ein sehr langer Rückblick auf etwas, was ich sofort glaube, dass man nicht beschreiben kann und auch Wehmut in sich hat.
    Vielen Dank, dass Sie uns in Ihrem Blog mitnahmen, wie wir das vor Ihnen auch schon bei Franca und Nancy miterleben durften. Selbst, wenn sie wollten, Sie werden von dort nie loskommen, genau wie es auch den anderen vor Ihnen ergeht.
    Ich wünsch Ihnen und allen, dass diese Verbindungen, die Ihr in den 8 Monaten erfahren habt, nie verebben mögen – und die Freundschaften tragen, besonders da, wo Ihr sie braucht.

    „So ist in jedem Anbeginn das Ende nicht mehr weit, wir kommen her und gehen hin und mit uns geht die Zeit …. und macht das Herz uns schwer …“

    Ich möchte Euch wünschen, den Satz dieses Liedes umzukehren, dass in jedem Ende zugleich der Anbeginn ist und die Zeit für Euch keine Rolle spielt. Das mit dem Herz darf ruhig bleiben.

    Haben Sie noch mal vielen Dank, alles Gute für die Zukunft und dass Eure Freude nicht versiegt.
    Herzliche Grüße auch von meiner Frau
    Walther

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