Warum bin ich so fröhlich?

Nachdem die Beschreibung eines Tagesablaufs von Lukas so gut angekommen ist, möchte ich das gleiche Prinzip noch einmal anwenden und die Woche eines Studienjährlers hier einmal beschreiben – mal mehr, mal weniger intensiv. Wem das hier zu lang wird, der möge ein Weiterlesen einfach unterlassen.

Montag, 18.02.2013

6:35 Mein Wecker klingelt. Heute ist der Tag der Gipsabnahme! Ich krücke ins Bad und dann rüber zur Konventsmesse in die Dormitio. Der Fuß wird besser, dafür ist nun die Erkältung da – mitsingen ist nicht drin.

8:05 Ich sitze beim Frühstück und bekomme den Gipsservice. Meine Kommilitonen wissen schon, dass sie mich ohne eine große Tasse Kaffee in der Hand gar nicht anzusprechen brauchen.

8:30 Vorlesungsbeginn: Herr Prof. Hartenstein ist eingetroffen. Es wird in den nächsten zwei Wochen um den fehlbaren Menschen gehen (Genesis 1-11).

10:30 Die zweite neue Vorlesung startet. Mit Herrn Prof. Auffarth werden wir uns mit der Religion des Dritten Reichs beschäftigen. Monströser Zeitsprung, aber nicht weniger interessant!

12:05 Ich hopse schnell gen Dormitio zum Mittagsgebet.

12:35 Mittagessen. Wer hat sich bitte ausgedacht, dass man Nudeln in Roter Beete kochen kann? Ich bin dagegen. Eigentlich hätte ich Spülwoche, muss mir aufgrund des Fußes aber mal wieder Ersatz suchen.

13:30 Das Taxi ist da. Wir schlagen uns durch das verkehrsüberfüllte Jerusalem hin zur Ambulanz.

14:10 Ein netter arabischer Krankenpfleger befreit mich von meinem Gips. Ein kleines Hühnerbeinchen kommt zum Vorschein. Fühlt sich komisch an. „Mein“ Pfleger setzt mich in den Rollstuhl und fährt mich zum Röntgen.

14:15 Ich liege unter dem arabischen Röntgengerät. „You are 24 years old and not married?“ Ja, man denkt hier etwas anders. Dennoch fühle ich mich gut aufgehoben und betreut. Meine Arabisch-Kenntnisse reichen so grade aus für einen kleinen, minimalistischen Dialog.

15:09 Der Orthopäde ist zufrieden mit dem Heilungsprozess und zeigt mir Übungen, um die Beweglichkeit wiederherzustellen. Julia, die mich begleitet hat, und ich sind happy. Wir bestellen uns ein Taxi und fahren zurück.

16:00 Wieder im Beit Joseph. Der Rest des Studienjahrs lauschte bis grad zwei Referaten. Jetzt ziehen sie los gen Ivrit-Sprachkurs. Ich mache erst einmal eine Fußwaschung und erste Bewegungsversuche. Mühsam.

18:00 Vesper in der Fastenzeit läuft jetzt immer ohne Orgel. Schade.

18:35 Ich hatte schon Angst, dass die Drohung „kalt“ des Speiseplans wahr gemacht werden würde. Man hat uns aber doch noch Omelettes gemacht. Zum Glück, nach den Rote Beete-Nudeln…

20:00 Der FAZ-Korrespondent in Israel hält einen Gastvortrag über seine Arbeit. Ziemlich interessant! Es bleibt genug Zeit zum Fragen stellen und diskutieren.

22:15 Ich kippe ins Bett.

Dienstag, 20.02.2013

Heute ist Exkursionstag. Da ich aber die Ruinen des Herodeion nicht erklimmen kann, bleibe ich nach der Frühmesse leicht gefrustet im Beit Joseph. Marcel ist aber auch da. Wir frühstücken erst einmal ausgiebig, dann mache ich mich an ein Essay: Der antike Tempelkult und der Ordo Missae. Ich finde viele Parallelen.

Bei einem verspäteten Mittagessen lasse ich mir von der verpassten Exkursion berichten. Danach sitze ich mit Julia und Eva-Maria in der Cafeteria und beschäftige mich mit Genesis 1. Wir versuchen, den hebräischen Text zu übersetzen und grammatikalische Strukturen herauszuarbeiten. Wie gut, dass Julia Hebräisch kann – ich freue mich dafür jedes Mal, wenn ich auch mal ein Wort kenne. Es sind die kleinen Dinge, die das Leben lebenswert machen. 🙂 Dann kommt Günter, Mitarbeiter in der Dormitio. Wir haben eine Übersetzungsfrage, die wird zwar nicht beantwortet, dafür bekommen wir dreieinhalb Minuten „Günter erklärt die Welt“. Heute: Warum Männer Komplexe haben und wir uns Gott nicht als Opa mit Bart vorstellen sollen. Immer wieder schön. Pater Jonas schmunzelt mit.

Abends treffe ich mich mit einem ehemaligen Kölner Mitsänger, der grad in der Stadt ist, zum Essen beim Armenier. Dann ist ein Teil des Freiburger Priesterseminars bei uns zu Gast, es gibt einen Vortrag eines Rabbiners der um 22:30 Uhr endet. Zeit für Begegnung. Wir sind alle müde.

Mittwoch, 20.02.2013

5:23 Ich hab eigentlich noch über eine Stunde bis zum Weckerklingeln, kann aber nicht mehr schlafen. Also setze ich mich aufs Bett und gucke Sonnenaufgang über den Bergen Jordaniens. Wunderschön!

7:32 Während der Frühmesse fällt mir ein, dass wir heut Abend auch eine Messe besuchen wollten. Zu spät dran gedacht, jetzt sitz ich schon in der Kirche.

7:55 Ich möchte betonen: ich hatte noch keinen Kaffee. Johannes und Markus laufen neben mir zum Frühstück und diskutieren dennoch Fragen, die sie sich beim Rabbiner-Vortrag gestern Abend gestellt haben: Kann man um 500 v.Chr. schon von „Juden“ sprechen? Sind die Probleme nach der zweiten Tempelzerstörung die gleichen wie die nach der ersten Zerstörung des Tempels? Ich frage mich, wo ich hier eigentlich gelandet bin. Will Kaffee.

8:20 Habe Kaffee intus. Jetzt kann ich mich auch der Frage widmen, wer wohl unser nächster Papst wird. Vom Nebentisch kommt die Frage, was in Zeiten der Sedisvakanz im Hochgebet gesprochen wird. Unsere Assistentin überlegt, dass eine dauerhafte Sedisvakanz ganz neue Perspektiven für den ökumenischen Dialog eröffnen würde.

8:37 Theologisches Denken hat offiziell begonnen. Göttergenerationen nach heliopolitanischer Lehre. Nach wenigen Minuten guckt Guido angewidert über die ganzen Körperflüssigkeiten, die nach so manchen Mythen zur Erschaffung der Welt beigetragen haben.

9:13 Ich schaue verzweifelt auf die Uhr. Wann kann ich mir endlich den nächsten Kaffee holen?

10:04 Genesis 1 hat nicht nur ein Schöpfungswerk. Nicht nur Licht entsteht, sondern auch Zeit: Tag und Nacht. Der Klingelmann sagt: Wir haben noch eine Minute.

10:11 Dominique begrüßt mich mit den Worten „Sei gegrüßet“. Ich fordere dann noch Beinamen ein. Gnadenreiche, Sternenbekränzete, Turm Davids – als er mich als Bundeslade bezeichnet, wird es mir aber zu absurd. Ich krücke weiter.

10:22 Ich bitte Markus um einen neuen Kaffee. Markus redet aber heute nur Walisch. Wie Dori aus Findet Nemo. Guido betreibt investigativen Journalismus, behauptet er zumindest. Und Julia regt sich über ihre neue Sachbearbeiterin in Deutschland auf, mit der sie in der Pause telefoniert hat. Markus und Lukas planen am Samstag nach Hebron zu fahren. Ich rege mich auf, weil ich wegen meines Fußes nicht mitkann.

10:30 Prof. Auffarth beginnt die zweite Vorlesung. Es geht um die Umbrüche nach dem Ersten Weltkrieg.

10:35 Wir gehen die Literaturliste durch. Und erfahren auch, welches der Bücher auf dieser Liste nicht zu empfehlen ist. Lautes Lachen.

10:54 Die Jungfrau Maria trat im 19. Jahrhundert immer auf der rechten politischen Seite auf. Seit der französischen Revolution ist das so. Maria ist eine Anti-Kommunistin.

11:27 Wir starren auf ein Zitat von Harnack, in dem er sich zum AT äußert. Niemandem fällt darauf etwas ein: Prof. Auffarth reagiert auf unser Schweigen: „Ich war mal Lehrer. Ich kann warten, bis jemand von Ihnen etwas sagt.“

11:34 Rudolf Otto promovierte und habilitierte im Jahr 1898 gleichzeitig. Damals ging das noch. Julia und ich fragen uns, ob er sich wohl heutzutage von irgendwelchen Medien Plagiatsvorwürfe anhören müsste…

12:05 Ich eile zur Mittagshore. Andi, unser Postminister, steckt mir einen Brief zu: Endlich einmal wieder Post!

13:01 Ansagen nach dem Mittagessen: Wer noch nicht genug zu tun hat, der hat verschiedenste Möglichkeiten mit freiwilligen Aktionen den Tag zu füllen. Ich nutze die Mittagspause, um E-Mails zu beantworten.

14:30 Es geht weiter mit zwei Stunden Altes Testament. Ich stelle wieder fest: Mein Hebräisch befindet sich auf der Stufe „ausbaufähige Grundkenntnisse“.

16:05 Die Glocke klingelt: Während Lukas und Markus in die Altstadt gehen, stelle ich fest, dass mir der Weg zu weit ist. Ausarbeitung vom Referat steht an.

17:30 Vorgezogenes Abendbrot. Es gibt Wunderblätterteigtaschen. Eine halbe Stunde später ist Aufbruch zur hebräischsprachigen katholischen Gemeinde in Jerusalem.

18:55 Wir stellen fest: Der Eucharistiefeier können wir folgen. Man weiß, wo man ist.

19:37 Der Priester hat sich mit uns zum Gespräch zusammengesetzt und erzählt von den Schwierigkeiten und Herausforderungen, vor der die Gemeinde in diesem Land gestellt ist, auch in Bezug auf die Arabisch sprechenden Christen

21:13 Grad wieder im Beit Joseph angekommen. Christina klopft an meiner Zimmertür, wir schauen gemeinsam ihre Jordanienfotos an. Ich bewundere die Landschaft und werde ein bisschen traurig, dass ich nicht mitkonnte. Mit Bildern von Petra und Wüstenschlössern im Kopf mache ich das Licht aus.

Donnerstag, 21.02.2013

Beim Frühstück erfahre ich, dass der nachmittägliche Besuch im Israel-Museum freiwillig ist. Auch wenn ich das Museum großartig finde, so ist ein Nachmittag für Referatsausarbeitung auch nicht zu verachten. Herr Prof. Hartenstein begrüßt uns zu Beginn der Vorlesung mit den Worten „Herzlich Willkommen zur Tour de France durch das Alte Testament“. Wir radeln los durch Genesis 1-11.

Soeben aufs Rad gestiegen stelle fest, dass es mir zu mühselig wird, diese Art von Blogeintrag weiterzuführen.

Nachdem ich vergangene Woche eine E-Mail nach Hause schrieb und um ein kleines (!) Päckchen mit Würstchen, einer Tafel Schokolade und einer Tüte Gummibärchen (ich empfehle von Haribo: Pasta Frutta. Ganz eindeutig die Besten!) bat, erhielt ich am Freitag ein Monstrum von einem Paket. Meine Eltern hatten das Gefühl, ich habe den Notstand ausgerufen.

Bis Mitte April sollte ich wohl nun durchkommen....

Bis Mitte April sollte ich wohl nun durchkommen….

Aber gut, ich sag mal, an mein Hühnerbeinchen muss ja auch wieder was drankommen 🙂

Mittlerweile ist es Samstag. Seit gestern Abend kann ich kleinere Strecken langsam hinkend auch ohne Krücken zurücklegen! Ich verbuche das als Erfolg und frage mich, an wen ich mich aufgrund einer Spontanheilung zur Heiligsprechung wenden muss. Heute morgen durfte ich zur Messe in der Abtei singen – krückenfrei am Ambo stehen, das ist wirklich wunderbar! Da stört auch der aufkommende Sandsturm, der sich vor meinem Fenster zusammenbraut, herzlich wenig. Ein schönes Wochenende Euch allen!

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4 Kommentare

Eingeordnet unter Allgemein

4 Antworten zu “Warum bin ich so fröhlich?

  1. monika

    Liebe Annika,
    es ist immer schön, Deine Blog-Einträge zu lesen! Das Studienjahr – und auch die vorhergehenden – waren reich an Erfahrungen und Erlebnissen! Morgen fliege ich nach Tel Aviv … Wir werden uns kennen lernen. Liebe Grüße – auch an Julia –
    Monika

  2. Walther Lipphardt

    Wirklich, Ihr Blog ist gut und wir lachen gerne mit (solange was zum Lachen gibt :-)).

    Nur das mit den Nudeln in Roter Beete? … Ist das Euer Ernst oder 40-Tageessen? Fragt doch mal den Cellerar! Könnten doch auch mal Nudel und „Fenchel“ mit Käse überbacken sein – wäre auch koscher. Er könnte ja dabei solange wegsehen 🙂
    Viele Grüße an Euch alle – von da, wo sich Schnee, Nebel und Eis noch hartnäckig festkrallen – shalom

    • Gemeinsam Lachen ist doch auch am Schönsten! Wir tun es jedenfalls viel, ausgiebig und gerne.
      Und was die Rote Beete-Nudeln angeht: Der Speiseplan verkündet, zumindest in dieser Woche, kein weiteres solches Experiment…. 🙂

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