Annika’s Tagesthemen

Auch wenn immer noch ein Bericht von Tel Aviv aussteht, wo ich vergangenen Mittwoch war (er ist in Arbeit!), wollte ich mich zu Beginn der Woche doch noch einmal melden mit ein paar Gedanken zu den vergangenen Tagen.

Gestern war Gedenktag zum Holocaust. Ich habe davon hier im Land fast gar nichts mitbekommen, was aber vermutlich auch daran lag, dass ich nur bis zur Abtei gekommen bin und nicht in der Stadt unterwegs war. Bezüglich des Gedenktages sind mir zwei Begegnungen ins Gedächtnis gekommen, die ich hier im Land hatte und von denen ich noch nicht berichtet habe: 

Am ersten Advent verbrachten wir einen gemeinsamen Tag mit erwachsenen Israelis jüdischen Glaubens, die am Wochenende neben ihrem Berufsleben am Hebrew Union College studieren. Das war eine unglaublich bereichernde Erfahrung. Dort habe ich eine nette Dame kennengelernt, die am Ende des Tages erzählte, dass sie am Anfang große Zweifel gegenüber diesem gemeinsamen Austausch gehabt habe: Sie hat einen Großteil ihrer Familie im Holocaust verloren und wollte anfangs nicht dabei sein, als es hieß, der Tag würde gemeinsam mit jungen Deutschen stattfinden. Im Endeffekt hat sie sich aber doch entschlossen dabei zu sein und gesagt, sie wisse ja auch, dass unsere Generation keine Schuld treffe – dennoch muss es für sie eine große Überwindung gewesen sein. Wir stehen heute noch im E-Mail Kontakt und ich bin sehr dankbar für diese Bekanntschaft.

Eine zweite Begegnung war erst in der vergangenen Woche. Ein älterer Herr kam in einem Park, wo wir grad Mittagspause machten, auf uns zu und sprach uns auf Deutsch an. Er war gebürtiger Deutscher und erzählte uns, dass er 1945 als Jugendlicher aus einem deutschen KZ befreit wurde und damals keine 40 kg mehr wog. Danach ist er nach Israel emigriert. 

Es sind Begegnungen, die in Israel immer wieder vorkommen und sie erinnern auf grausame Weise an unsere Geschichte, die wir im Schulunterricht so oft besprochen haben. Gleichzeitig aber sind solche Begegnungen auch immer Hoffnungsschimmer, denn sie zeigen mir, dass wir mittlerweile an einem Punkt angelangt sind, wo Gespräche und sogar Freundschaften wieder möglich werden. Diesen Gedanken wollte ich noch losgeworden sein.

Kommen wir zu einem anderen Israel-Phänomen: Dem Stromnetz. Was unser Internet angeht, so werden es viele schon mitbekommen haben, dass dieses auf einer Skala von katastrophal bis mäßig einen soliden Mittelwert einnimmt und gerne von diesem gen Keller rutscht. Was den Umgang der Stadt mit Schnee betrifft, da halte ich mich aus gegebenem Anlass lieber zurück (denn wer den Schaden hat, braucht bekanntermaßen für den Spott nicht zu sorgen). Was das Stromnetz angeht, da habe ich bisher noch zu wenig drüber erzählt.

Der Strom fällt auf dem Zionsberg ganz gerne schon einmal aus. Mitunter aber auch nur partiell. Das bedeutet, dass man seinen Laptop im Vorlesungssaal aufladen kann, während in der Küche die Kaffeemaschine nicht funktioniert (und das ist ein ernsthaftes Problem!!) und wir im Speisesaal, der sich wie die Küche im Untergeschoss befindet, nicht wirklich viel sehen. Aber gut, mittlerweile kennen wir uns ja aus und können die Käseplatte vom Obstkorb auch im Dämmerlicht unterscheiden. Vor zwei Wochen hatte die Abtei mehrere Stunden lang keinen Strom. Gestern, also am Sonntag Mittag, ging Punkt 13 Uhr, was man an der stehengebliebenen Kirchturmuhr ablesen kann, das Licht aus. Und das Radio. Wir hatten uns grad zum Mittagstisch gesetzt, als die übrig gebliebenen Weihnachtskerzen zum Einsatz kommen durften. Felician und ich begannen also ein „Rorate coeli de super“ zu singen, was wir aufgrund des Kerzenscheins auch nach der Adventszeit für durchaus angemessen hielten. Und dann aßen wir ganz gemütlich. Bis dahin alles kein großes Problem. Probleme stellen sich erst dann ein, wenn man Spüldienst hat und die Spülmaschine es nicht tut. Wenn man einen Gipsfuß hat und im dritten Stock wohnt, der Aufzug aber außer Betrieb ist. Wenn man den Nachmittag dringlichst nutzen muss um Essays zu schreiben, der Laptop aber keinen Strom hat und auch das Internet für die Recherche ausfällt. Die meisten von uns haben sich am Nachmittag also vermutlich ins Bett gelegt und geschlafen. Was anderes konnte man ja auch nicht tun. Kurz bevor ich dann in die Vesper krücken wollte, kamen einige israelische Stromnetzarbeiter und schlossen am Strommasten vor meinem Fenster einen monströs großen, röhrenden Dieselgenerator an (es war mittlerweile stockdunkel), der aber erst pünktlich zum Magnificat in Betrieb ging, was wir daran merkten, dass der Kapitelssaal, in dem wir ausnahmsweise die Vesper feierten (der liegt im Klausurbereich der Abtei und ist einfacher mit Kerzen zu beleuchten als die große Kirche), plötzlich von Licht durchflutet wurde. Es folgte ein höchst amüsanter Abend bei den Mönchen im Kloster – sonntags dürfen immer ein paar von uns, die Lust haben, im Kloster zu Abendessen und an der Rekreation teilnehmen. Was werde ich diese Abende vermissen, wenn ich wieder in Deutschland bin!

Hier sieht man das Ungetüm, was vor über 24 Stunden an unseren Strommasten angeschlossen wurde und uns zwischendurch immer mal wieder mit einer spontanen Stromzufuhr überrascht.

Hier sieht man das Ungetüm von einem Generator, was vor über 24 Stunden an unseren Strommasten angeschlossen wurde und uns zwischendurch immer mal wieder mit einer spontanen Stromzufuhr überrascht.

Und während ich das hier schreibe, ist der Strom wieder weg. Zum Glück war er heut früh noch da, so dass ich immerhin einen Kaffee habe. Ein paar Minuten dürfte der Akku meines Laptops noch halten. Geposted wird der Artikel dann, wenn Strom und Internet wieder da sind. Bis dahin sollte ich, an diesem freien Montag, vielleicht einfach wieder ins Bett gehen. Denn ohne Strom läuft nicht so viel. 

Mittlerweile ist es Abend. Pünktlich zum Abendbrot ging der Strom wieder weg. Der Spüldienst musste die großen Mülltonnen also die Treppen raufziehen, weil der Aufzug immer noch nicht funktioniert und unsere Chorprobe fand auf höchst amüsante Weise bei drei Kerzen mit zehn Leuten um ein Klavier gestopft statt: La Cucaracha stand heute auf dem Plan, auch wenn unser Frauenbeauftragter Andi aufgrund der Gendergerechtigkeit auf eine Version El Cucaracho gepocht hat. Und jetzt ist er wieder da, der Strom. Mal sehen, für wie lange.

So, und wer noch nicht genug gelesen hat, der darf hier nun Anteil nehmen an einer E-Mail Konversation: Unsere Studienleitung schrieb uns heute Nachmittag, dass wir bitte keine Knöpfe beim Aufzug drücken sollen. Irgendwas mit falsch gepoltem Wechselstrom war das Problem, es folgte eine kurze Erklärung von Theologen für Theologen. Doch wie gut, dass unser Schweizer Lukas nicht nur Theologie studiert, sondern auch Hausmeisterbeauftragter ist und uns so folgende theologisch-physikalische Erklärung bezüglich der Aufzugproblematik sandte – viel Spaß dabei:

Die Trinität der Wechselspannung

Ich gehe davon aus, dass unser Lift einen quasitrinitarischen Motor resp. einen Dreiphasenwechselstrom-Motor hat (das ist bei mittelgrossen Maschinen die Regel). Durch die drei Phasen ergibt sich ein elektromagnetisches Drehfeld in eine bestimmte Richtung. Vertauscht man die Phasen, läuft alles anders. Übersetzt auf theologisch könnt ihr den Unterschied dann gut nachempfinden, wenn ihr betet: im Namen des Sohnes, des Heiligen Geistes und des Vaters – was für alle nichtreformierten Christen wohl ein mittelschwerer Kurzschluss wäre.
 
Dreiphasenwechselspannung ist auch das insubstantielle Etwas, was eigentlich von der Trafostation, die das Ursprüngliche in das Brauchbare wandelt (analog z.B.: Gottes Wille in Gottes Wort), zu unserem Beit Josef (den Gläubigen) transportiert wird. Wenn ihr den Sicherungskasten im Treppenhaus zwischen Parterre und 1. Stock aufmacht, seht ihr z.B. Sicherungseinheiten, bei denen immer drei Schutzschalter nebeneinander stehen und i.R. auch miteinander verbunden sind; also nur miteinander ein- und ausgeschaltet werden können (Trinitarische Verschränkung: Fällt eine Faltigkeit aus, bricht das ganze Konzept zusammen). Darunter verbergen sich die drei Phasen (L1/L2/L3), die in unser Haus führen. Zusammen ergeben sie eine Niederspannung von ca. 433V resp. 3 mal 250V (250V*3^(1/2)=433V). Und da wir für den Hausgebrauch (Steckdose) nur eine Phase (L1; die anderen beiden Löcher der Steckdose belegen der Neutralleiter und die Erdung, d.h. quasi die Abflussrohre für den Strom) benutzen, haben wir nur 250V und keine Drehfeldigkeit mehr. Ergo müssen unsere Hausapparate ohne diese auskommen und können beliebig eingesteckt werden. Man könnte sagen, die Dreiphasigkeit ist für sie nicht Heilsnotwendig. Man sieht aber auch schön, dass die Abwesenheit von zwei Phasigkeiten zu einer gewissen Beliebigkeit führt, die aus einer orthodoxen Perspektive durchaus etwas defizitäres an sich hat. Liebe Theologinnen und -aussen. Ihr fragt euch nach der Moral der Geschichte? Ähm… hütet euch vor Monophasigen Hausgeräten!

drei liebe Grüsse
Euer praktischer Theologe

So sieht es also bei uns zur Zeit aus. Wenn jemand Tips für eine Heiligenanrufung hat und den Heiligen kennt, der für den Stromkreislauf verantwortlich ist, dann nehme ich diese natürlich dankend entgegen. Schaden kann es ja nicht.

 

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4 Kommentare

Eingeordnet unter Allgemein

4 Antworten zu “Annika’s Tagesthemen

  1. Walther Lipphardt

    🙂 🙂 🙂 Lieber praktischer Theologe, herzlichen Dank für den Einblick in Eure Theologiephysikvorlesung über die dreifaltige Wechselstromversorgung, um die sich vieles dreht, was man aber erst merkt, wenn sie mal ausfällt und dann nicht weiß, wie sie gepolt ist … oder andersrum bei Euch, wenn sie ausnahmsweise mal funktioniert und …. gottlob die Spülmaschine nicht rückwärts läuft 🙂

    Aber, Annika Schmitz, auch vielen Dank, dass Ihr etwas mit uns teilt und tragen helft, was manche meiner Generation (wir waren noch sehr nah dran), nicht loslässt, schwer zu tragen ist und eine Schwermut das ganze Leben mitbegleitet. Ich trage sie … aber ich danke Euch.
    Shalom

  2. Josip Dolic

    Blaise Pascal ist zwar kein Heiliger, sondern hervorrangender Mathematiker und Theologe, als angewandter Mathematiker muss er sich ja mit der Elekrizitätsphysik auskennen:)

  3. Josip Dolic

    Liebe Annika, es freut mich dass dir der Physik Tip gefallen hat, letzten habe ich zufällig ein Sepultura Video gefunden. Dass schöne dabei ist, dass eine Trash Metal Band mit Auszeichnung, einen schönen Beitrag zur Sozialpolitik geleistet hat: http://www.youtube.com/watch?v=sGfz5dX9IVo
    Ich hoffe du kannst es vielleicht, mal verwenden und dass es sympathisch rüberkommt:)

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