Walking in a Winter Wonderland

Die letzten Tage haben wir in einem Wintersturm verbracht. Es war richtig heftig: tagelang fegte ein starker Sturm mit Orkanböen über uns hinweg, begleitet von starken Regenfällen. Nachts flogen Tische und Stühle über die Dachterrasse – und auch vom Dach runter, Bäume brachen ein, Straßen wurden überflutet, unser Tunnel, der das Beit Joseph mit der Abtei verbindet, war nur mit Regenschirm und Schlauchboot passierbar, Strom- und Heizungsausfall gab es auch, in der Kirche lief das Wasser durch die Fenster und tropfte, nein: strömte über die Orgel auf den Mosaikfußboden, kurz gesagt: Es war so richtig Winter. Den Ruf des Muezzin und das Gebimmel der Kirchenglocken waren im Sturmgeheul so gut wie gar nicht vernehmbar. Ich persönlich habe das Haus nur verlassen, um die drei Meter um die Ecke zu rennen und den Tunneleingang im Garten zu nehmen um ins Kloster zu huschen.

Der Zitronenbaum, eines DER Wahrzeichen aller vergangenen Studienjahre, ist einfach in großen Teilen umgepustet worden.

Der Zitronenbaum, eines DER Wahrzeichen aller vergangenen Studienjahre, ist einfach in großen Teilen umgepustet worden.

Kein Wunder, dass bei dem Wetter die Menschen reihenweise krank werden. Gut ein Drittel unserer Studierendenschaft hütet das Bett – unsere Exkursion in den Negev (eigentlich sollten wir ja grad in der Wüste sein) ist aufgrund der Krankheitsfälle und des schlechten Wetters am Exkursionsort allerdings verschoben worden. Auch mich hat es ein bisschen erwischt nachdem ich mein Referat zum Taufritus in der Alten Kirche noch gesund halten konnte. Aber mit einem dicken Schal um den Hals und dem Allheilmitteltip von Pater Matthias: „Einfach Zitronenscheiben ins Wasser werfen“ halte ich mich tapfer auf den Beinen. Hätte ich dies nicht getan, so wäre mir auch eines der großartigsten Spektakel in Jerusalem entgangen: Schnee! Und zwar so viel wie seit zwanzig Jahren nicht mehr! Hier kommen die Beweisbilder:

So sah es heute morgen aus, als ich aus meinem Fenster schaute.

So sah es gestern morgen aus, als ich aus meinem Fenster schaute.

Unter der Schneelast ist ein Baum zusammengestürzt und - bumms - genau vor unser Gartentor gefallen. Dabei hat er noch ein Stromkabel mitgenommen.

Unter der Schneelast ist ein Baum zusammengestürzt und – bumms – genau vor unser Gartentor gefallen. Dabei hat er noch ein Stromkabel mitgenommen.

Doch Hilfe naht! "Unsere" Mönche stehen nämlich nicht nur im Gebet zur Seite, sondern können auch die praktischen Dinge des Lebens regeln. Hier wird wohl grad überlegt, was mit dem Chaos anzufangen sei.

Doch Hilfe naht! „Unsere“ Mönche stehen nämlich nicht nur im Gebet zur Seite, sondern können auch die praktischen Dinge des Lebens regeln. Hier wird wohl grad überlegt, was mit dem Chaos anzufangen sei.

Die Menschen scheinen durch den Schnee ruhiger geworden zu sein. Als ich gestern morgen noch vor dem Vorlesungsbeginn durch die Altstadt lief, um Jerusalem im Schnee zu bewundern, da wurde ich von den (wenigen) Menschen, die unterwegs waren, nur freundlichst gegrüßt. Das kommt in dieser Stadt sonst nicht vor, man beachtet sich hier eigentlich nicht. Immer wieder ertönte ein „Boka tov!“ und sogar Juden und Muslime begrüßten einander mit herzlichem „Salam“ und „Shalom“. Die altehrwürdigen Orthodoxen sprangen durch den Schnee, machten Fotos und schienen recht ausgelassen. Sogar ein ultra-orthodoxer Jude verwickelte mich in ein 15-minütiges Gespräch. Sowas kommt eigentlich nie vor, denn ultra-orthodoxe Juden sprechen so gut wie nicht mit Frauen, und schon gar nicht mit nicht-Juden (so zumindest meine Erfahrung). Unsere Freundschaft war aber auch schnell wieder vorbei, denn wie man Katholisch sein kann, das konnte und wollte er überhaupt nicht verstehen. Naja. Gegen religiösen Fundamentalismus gepaart mit Zionismus ist eben kein Kraut gewachsen. Jetzt aber mal einige Bilder von der weißen Pracht:

So hoch lag der Schnee auf unseren Gartentreppenstufen

So hoch lag der Schnee auf unseren Gartentreppenstufen

Unser Eingangsschild mit weißem Rahmen

Unser Eingangsschild mit weißem Rahmen

„Unsere“ Mönche haben sich Unser gestern mal wieder absolut lieb angenommen – da wurden Kabel repariert, Essen gekocht, weil das Küchenpersonal durch den Schnee nicht herkommen konnte, der Speisesaal hergerichtet, Garteninspektionen durchgeführt und alles stehn und liegen gelassen, damit wir in Ruhe weiterstudieren und uns mit der Koranexegese beschäftigen konnten. Einen riesen DANK an dieser Stelle!!

verschneite Straßen

Die Jerusalem mit einer dicken Schneedecke bedeckt..

Die Jerusalem Altstadt ist mit einer dicken Schneedecke bedeckt…

Altstadtmauer
Mauer und Wintersonne

Ob diese Palme die Schneelast wohl gewöhnt ist?

Ob diese Palme die Schneelast wohl gewöhnt ist?

schneebedeckter Felsendom

Juden im Schnee
Schnee, Annika, Felsendom

Auch die Abteikirche hat eine weiße Mütze aufgezogen.

Auch die Abteikirche hat eine weiße Mütze aufgezogen.

Julia, Eva-Maria und ich im Garten vor dem eingeschneiten Kaktus.

Julia, Eva-Maria und ich im Garten vor dem eingeschneiten Kaktus.

Der Abend endete dann wie folgt: Lukas und ich wollten der abendbrotlichen Käseplatte entfliehen und stattdessen eine Pizza essen. Bis in die Neustadt kamen wir auch. Dort rutschte ich Tölpel dann aus. Nach drei Stunden Ambulanz mit meinen beiden Freiburger Jungs hab ich nun den rechten Fuß im Gips: zweifach gebrochen.

Naja, dann humpel ich jetzt eben durch das Winter Wonderland!

4 Kommentare

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4 Antworten zu “Walking in a Winter Wonderland

  1. Uuuuuunfassbare Bilder.
    Gute Besserung, Schätzelein!

  2. Beate und Michael, Eltern von Andreas Stefan

    Liebe Annika, Andreas hat uns schon gestern Abend am Telefon von Ihrem Unfall erzählt. Es tut uns sehr leid. Wir wünschen Ihnen, dass die Knochen wieder schnell und gut zusammenwachsen. Gute, gute Besserung. Die Jungs vom Studienjahr sollten Sie jetzt auf Händen überall hin tragen!
    Herzlichen Dank für die schönen Bilder und Berichte, die wir immer voll Begeisterung lesen.
    Liebe Grüße Beate und Michael (Bläsius-) Stefan

    • Vielen Dank für die lieben Genesungswünsche!
      Ich werde hier sehr gut umsorgt und kann nicht klagen – sind ja zum Glück nur Knochen und nicht irgendwelche Sehnen und Bänder. Werde bald sicher wieder munter durch Jerusalem springen und Fotos schießen können 🙂
      Viele Grüße!

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