Eine Miqwe, eine Miqwe!

Nach einem erholsamen, wenngleich verregneten Wochenende mussten wir am Montag morgen für ganze fünf Minuten in den Bus steigen, um nach Kapharnaum zu fahren, der „Stadt Jesu“, nur einen Katzensprung von Tabgha entfernt und im 2. Jh. v. Chr. errichtet. In dieser Stadt soll Jesus gelebt und gewirkt haben, auch sollen von hier einige seiner Jünger stammen.

In der Synagoge von Kapharnaum sprach Jesus die wundervolle Rede über das Himmelsbrot, die uns im Johannesevangelium überliefert ist (hier ein Auszug): „Jesus sagte zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel. Denn das Brot, das Gott gibt, kommt vom Himmel herab und gibt der Welt das Leben. Da baten sie ihn: Herr, gib uns immer dieses Brot! Jesus antwortete ihnen: Ich bin das Brot des Lebens, wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben. […] Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot ißt, wird in Ewigkeit leben. Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch, (ich gebe es hin) für das Leben der Welt. […] Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben und ich werde ihn auferwecken am Letzten Tag. Denn mein Fleisch ist wirklich eine Speise, und mein Blut ist wirklich ein Trank. Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich bleibe in ihm.“ (Joh 6, 32-35.51.56-57)

Diesen tollen Blick auf den See Genezareth gab es exklusiv dazu – die Natur liefert eigentlich immer die schönsten Bilder.

Im Golan liegt die alte Stadt Gamla mit ersten Siedlungsresten aus dem 12. Jh. v. Chr. Jüdische Rückkehrer aus dem babylonischen Exil errichteten hier eine Stadt, die unter Alexander dem Großen dann 200 Jahre später eingenommen wurde und noch einmal gut 250 Jahre später von Juden wieder neu errichtet und zu einer bedeutenden Stadt wurde, bevor sie im jüdischen Krieg dann endgültig fiel. Gamla wird auch das Massada von Galiläa genannt, was daran liegt, dass die Einwohner der Stadt genau wie in Massada einen großen Widerstand gegen die Römer geleistet haben und es eine Erzählung gibt, die von einem riesigen Massenselbstmord berichtet, der begangen wurde, um nicht in die Hände der Römer zu gelangen. Unser guter Freund Flavius Josephus, der uns viel überliefert hat, berichtet auch von dieser Belagerung in sehr ausführlicher Weise. Außerdem erklärt er die Herkunft des Stadtnamens: Denn ein schroffer Kamm erstreckt sich von einem hohen Berg herab und bildet in der Mitte einen Höcker; von diesem erhöhten Mittelteil aus dehnt er sich in der Länge und fällt dann nach vorn und hinten ab. So gleicht er in seinem Aussehen einem Kamel, und davon hat auch der Ort seinen Namen, was allerdings die Einwohner nicht deutlich hervortreten lassen. (Flavius Josephus: De Bello Judaico) Der war schon ein Witzbold, oder? 🙂 Und für alle, die noch weniger Hebräisch können als ich (auch wenn das einem Kunststück gleicht) und das mit dem Namen noch nicht verstanden haben: Gamal = Kamel.

Hier erkennt man ganz gut, was Josephus beschreibt. Kamelhöcker und so.

Gamla ist wirklich dicht an den Felsen gebaut mit seinen steilen Felsabhängen und ziemlich cool konstruiert. Und was findet man? Eine Miqwe, eine Miqwe! Irgendwann wurden wir vor lauter Miqwen dann übermütig und fanden noch viel mehr Miqwen, als man bisher annahm:

Hier zum Beispiel eine Ameisenmiqwe – seltsam, dass die in keinem archäologischen Bericht über Gamla bisher auftaucht… Dabei ist sie doch eindeutig als Miqwe zu identifizieren!


Außerdem kam man um Gamla herum schön spazieren gehen, was besonders viel Spaß macht, wenn es vorher geregnet hat und der Boden ein einziger Matschhaufen ist. Mit einem ständigen „Pflatsch Pflatsch Pflatsch“ im Ohr liefen wir zu dem Wasserfall, an dem auch irgendwas besonders war, nur hab ich das leider vergessen.

Tags drauf besuchten wir Nazareth, die größte Stadt in Galiläa und der Ort, an dem Maria verkündigt wurde, dass sie den Heiland empfangen würde. Um diesen Anlass gebührend zu würdigen und den Pilgern einen Ort zum Hinströmen zu bieten, hat man die Verkündigungsbasilika errichtet über der Grotte, von der gesagt wird et verbum caro hic factum est. Ich persönlich muss ja sagen, dass ich diese Kirche – besonders von innen – potthässlich finde. Und die ganzen Marienbilder außenrum regten bei mir eher ein Schmunzeln an als ein stilles Gebet.

 Zu dieser deutschen, gekachtelten (und meiner Ansicht nach ästhetisch wirklich nicht gelungenen) Mariendarstellung sei anzumerken, dass man unter dem Mantel der Maria zwei Kinder sieht, die sich über eine Mauer hinweg die Hände reichen – sie steht also für ein vereintes Deutschland zu einer Zeit, wo es noch die DDR und die BRD gab. Wenige Wochen, nachdem dieses Bild an seinem Ort aufgehängt wurde, fiel die Mauer…

Was man der Verkündigungsbasilika aber lassen muss, sind ihre Fenster. Da gibt es schon ein paar ganz hübsche, finde ich.

Nach diesem kulturell-ästehtischen Höchstgenuss wurde es Zeit für eine kleine Wanderung, also liebe Studienjährler: ab auf den Tabor! Auf diesem Berg soll dereinst die Verklärung Jesu stattgefunden haben –> nachzulesen bitte im Selbststudium in dem dicken alten Buch, von dem man zumindest pro Familie eines im Schrank stehen haben sollte (als kleiner Tip: nicht zu weit vorne aufschlagen). Der Weg nach da oben ist unglaublich vermüllt, und wenn es so viel Müll ist, dass es in diesem Land auffällt, dann muss es eine ganze Menge sein. Unser Studienpräfekt Pater Matthias verarbeitete seinen Müllschock, der sich mit dem den meisten von uns zu eigen werdenden Archäologieschock verband, mit den Worten: „Naja, die lassen den Müll extra hier, damit die Archäologen in 1000 Jahren auch die Massen der Pilgerströme nachweisen können.“ Ich tippe ja, dass wir einmal auf Plastikzeit IB datiert werden. Ihr seht, die Archäologie hat unser Denken, Handeln und Fühlen voll in Beschlag genommen! Jedenfalls ist der Tabor ganz nett und ich habe die Zeit dort oben auch dafür genutzt, guten italienischen Kaffee zu trinken und die verschiedenen Aufnahmefunktionen meiner unzerstörbaren Digicam auszuprobieren.

  

Am Mittwoch musste unser eigentlich geplanter Wasserstudientag ausfallen und deswegen fuhren wir recht spontan nach Haifa – Großstadtluft schnuppern!!

Zuerst ging es zu den Bahai-Gärten. Der, die oder das Bahai (keine Ahnung, welcher Artikel dazugehört) ist eine recht neue Religion, die sich aus allen anderen Religionen ein paar Dinge herausgesucht hat und der es vor allem um eines geht: Harmonie. Diese Harmonie wird abgebildet in den Gärten, die den Hang hinunter angebaut sind und den Tempel in der Mitte flankieren.

  

 Wenn man sich die Schuhe auszieht, dann darf man ganz leise den nach frischen Rosenblättern duftenden und mit Teppichen ausgelegten Bahai-Tempel betreten, in dessen Mitte ein paar Kerzen und Blumen stehen und das war’s. Der Garten ist wirklich ganz hübsch, aber irgendwann war dann auch gut mit der Harmonie und wir widmeten und wieder der Archäologie, dieses Mal im Hecht-Museum Haifa. Was war ich froh, dass es dort nicht nur alte Pötte zu bewundern gab, sondern auch ganz schöne Ölgemälde. Und dann gab es ihn tatsächlich, den freien Nachmittag! Ja gut, ich ziehe es zurück, „Nachmittag“ ist übertrieben, lasst uns von ‚freien eineinhalb Stunden‘ reden. Manche nutzten diese am Strand, ich persönlich zog es vor, mich in ein Café zu setzen, Kaffee zu trinken und die Geräusche von einer Stadt zu genießen, die nicht nur noch aus Ruinen besteht.

Am nächsten Tag war ich krank. Und lag den ganzen Tag in meinem Stockbett, untere Etage, im Mehrbettzimmer Orange im Beit Noah, während sich die anderen Studienjährler ein paar der Ruinen anschauten, die wir bis dahin noch nicht gesehen hatten. Ja, die gibt es!

Am Freitag war ich dann aber wieder fit und konnte frohen Mutes in den Bus steigen, der uns gen Jerusalem bringen sollte. Natürlich nicht … ohne ein paar archäologische Zwischenstops: Tel Yizre’el – Meggido – Tel Dor – aber für die meisten von uns war die archäologische Aufnahmekapazität dann doch erschöpft. Deswegen erfreute ich mich lieber an witzigen Figürchen…

 

… und knipste munter den Sonnenuntergang am Strand von Dor.

Und nun sind wir wieder in Jerusalem und versuchen, den Alltag zu leben, der spätestens morgen mit einer neutestamentlichen Vorlesung bei Prof. Ebner beginnt. Es stehen Referate, Essays, Sprachkurse und Diskussionen an. Heute bekam ich Alltag beim Zahnarzt meines Vertrauens zu spüren, und eben doch nicht ganz Alltag: Die ganze Zeit lief das Radio und es wurde über einen möglichen baldigen Einmarsch gesprochen und auf den Handys geschaut, wo denn die letzte Rakete eingeschlagen ist. Denn was nur wenige Kilometer südwestlich von uns geschieht, das können wir durch unsere Alltagshandlungen nicht einfach vergessen und verdrängen. Und so bleibt am Ende die Bitte um Frieden: die Bitte, die in all unseren Gebeten, seien es nun laute oder leise, zur Zeit wohl am nachdrücklichsten Ausdruck findet.

Da pacem, Domine, in diebus nostris 
Quia non est alius 
Qui pugnet pro nobis 
Nisi tu Deus noster.

Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott, zu unsern Zeiten. Es ist doch ja kein andrer nicht, der für uns könnte streiten, denn du, unser Gott, alleine.

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