I have forgotten Jesus!

Seit gestern Abend sind wir wieder in Jerusalem. Natürlich könnte ich jetzt einen ganzen Blogeintrag über die aktuelle politischen Lage schreiben, aber das möchte ich vermeiden: denn ich bin nicht dazu in der Lage, die Gesamtsituation wirklich in ihrer Ganzheit zu erfassen. Uns geht es gut, und wir hoffen und beten darum, dass sich die Situation beruhigt. Beim Luftalarm in Jerusalem gestern waren wir noch auf der Autobahn und haben deswegen eigentlich noch nichts mitbekommen. Dennoch, wir sind vorsichtig, glauben aber nicht, dass in Jerusalem selber etwas passieren wird.

Deswegen schreite ich nun weiter fort mit der Galiläa-Berichterstattung.

Vergangenen Mittwoch besuchten wir zunächst Magdala (man erinnere sich an Maria Magdalena, die laut Bibel aus ebendiesem Ort stammen soll), von dem man immer annahm, dass es ein kleines verschlafenes Fischerdörfchen sei. Pustekuchen! Das stelle sich heraus, als die Franziskaner und Mexikaner (das eine ein Orden, das andere ein Land, gell) anfingen, sich hier archäologisch zu betätigen. Zum Vorschein kam nämlich eine ziemlich große Hafenstadt, beziehungsweise das, was von ihr übrig geblieben ist. Da man davon aber nur ein paar Steine aufm Boden sieht, gibt es davon jetzt kein Foto. Bei Bedarf bitte melden. 🙂

Umm el Qanatir war deswegen so beeindrucken, weil dort eigentlich nichts ist. Doch irgendwo mitten in diesem Nichts hat sich vor einigen Jahren ein Archäologe überlegt, er könne die Synagogenüberreste, die man dort gefunden hat, doch wieder zusammenbauen. Das ist eine hochkomplexe Angelegenheit, kostet viel Geld und Zeit – und man steht staunend davor, wenn man das Ergebnis betrachtet. Denn eine solche aus ein paar Steinresten wieder aufgebaute Synagoge ist wirklich einmalig!

Danach ging es nach Hippos. Diese Stadt gehörte einst der Dekapolis an und ist auf einem nahezu unerreichbaren Berggipfel erbaut, der wie ein Pferdekopf aussieht – daher auch der Name der Stadt.

Vn dort oben hat man einen tollen Blick auf den See Genezareth. Meine Kamera kann diese Schönheit leider nicht ganz erfassen, ich schätze, das liegt an der Bekanntschaft mit der Bethlehemer Toilette. Daher gibt es leider kein Bild von dem wunderschönen Sonnenuntergang, aber immerhin sieht man auf dem Foto oben, wenn man genau hinschaut, hinter dem Berg den See.

Tags drauf fuhren wir nach Sepphoris. Diese alte Stadt in der Nähe von Nazareth bietet noch eine gute Übersicht darüber, wie sie einmal im 1. Jh. v.Chr. ausgesehen haben muss. Richtig beeindruckend ist das riesige Wasserreservoir, unglaublich, was man sich damals zusammengeschustert hat!

Hier sieht man einmal die Größenordnungen von diesem Wasserspeicher (der eigentlich nicht nur Speicher war, sondern auch Wasserleitung – einfach irre!). Des weiteren hat Sepphoris eine Vielzahl von gut erhaltenen, wunderschönen Mosaiken zu bieten.

Hier haben wir zum Beispiel die Mona Lisa von Sepphoris – einige viele Jahrhunderte älter als die, die im Louvre hängt. Es gibt die These, eine besagt, da Vinci hätte sie von hier abgemalt….

Und hier sieht man einen Teil des komplett erhaltenen Nil-Mosaiks. Als Ganzes hat es leider nicht vor die Linse gepasst. Aber es sieht hübsch aus!

Nach so viel Mosaiken wurde es mal wieder Zeit für einen Ort, wo es ausschließlich Steine gibt (obwohl es die in Sepphoris natürlich auch gibt), also fuhren wir nach Yodfat, einem jüdischen Dorf aus der Bronzezeit. Und – oh Wunder – wir bekamen mal wieder eine Miqwe zu sehen. Die Miqwe, ein Bassin für das jüdische Reinheitsbad, ist nämlich so eine Sache. Ständig sahen wir Steinbassins, die angeblich Miqwen waren und ihrerseits deswegen auf einen Steinhaufen verwiesen, den sie dadurch zur Synagoge deklarierten – manchmal läuft es aber auch umgekehrt. Und wie man die Anzahl der Stufen alles deuten kann… Wie dem auch sei, mit den Miqwen hatten wir jedenfalls viel Spaß.

Am Freitag fuhren wir dann zuerst nach Beit She’arim. Dort finden wir ziemlich viele alte Katakomben, in denen die Juden ihre Toten beisetzten. Auch Rabbi Juda HaNasi soll dem Talmud nach hier begraben sein.

Nach so vielen unterirdischen Sarkophagen genoss ich den heftigen Regen und Sturm, der vor den Toren der Unterwelt auf uns wartete. So richtig durchpusten lassen konnten wir uns dann in Caesarea Maritima.

Diese Stadt wurde um 20 v. Chr. von Herodes dem Großen direkt am Mittelmeer gegründet, und zwar zu Ehren von Kaiser Augustus. Unter anderem wurde ein bombastischer künstlicher Hafen angelegt; das ist kaum zu beschreiben, wie groß das Ding gewesen sein muss und wie prachtvoll die Schiffseinfahrt ausgesehen haben muss mit so großen Statuen. Generell muss die Stadt enorm prachtvoll gewesen sein und hatte viele Prestigebauten, große Palastanlagen, eine Pferderennbahn, Bäder, ein Theater, eben alles, was das römische Herz so begehrt.

Hier sieht man noch das Theater. Die Zuschauerränge sind so gebaut, dass man eigentlich aufs Meer gucken würde – damals war aber eine etwa 20m hohe Bühne aufgebaut, denn die Menschen interessierten sich wohl herzlich wenig für das wunderschöne Mittelmeer und hatten eher Interesse an einem hübschen Bühnenbild.

Die Stadt wurde dann im 7. Jahrhundert von den Arabern eingenommen und verlor stetig an Bedeutung, bis sie zu Kreuzfahrerzeiten noch einmal aufgewertet wurde, aber nur, bis Sultan Baibars die Stadt im 13. Jh. dann eroberte und sie zu einer Geisterstadt wurde. Wer aber heutzutage mal in der Nähe sein sollte: hinfahren! Auch das römische Aquädukt, das am Strand noch zu sehen ist, lohnt sich.

Ja, und am Samstag stand dann das Brotvermehrungsfest in Tabgha an. Dazu kamen viele Christen aus den umliegenden Dörfern und wir feierten einen sehr schönen, irgendwie typisch arabischen, Gottesdienst mit dem Patriarchen Fouad, der eigentlich in Jordanien residiert. Im Anschluss gab es noch ein gemeinsames Kaffetrinken mit Möchen, Volontären und Studienjährlern, welches trotz des Regens sehr schön war. Bilder von diesem Tag findet ihr unter Brotvermehrungsfest Tabgha. Wer sich nun noch fragt, woher denn der Titel des heutigen Blogeintrags stammt, der sei auf folgende Anekdote verwiesen: In der Schola singend und damit vor der Sakristeitür stehend sah ich, wie der Chorleiter des arabischen Kinderchores während des Gottesdienstes, als der Chor ein kleines Brotvermehrungsspiel (a lá deutsches Krippenspiel) aufführte, plötzlich in die Sakristei jagte und mit einem verkleideten Jungen an der Hand herausstürmte und nur rief: „I have forgotten Jesus! I have forgotten him!“ Nun ja, so kam Jesus eben ein wenig später zur Brotvermehrung. Ein Wunder hat er dennoch vollbracht, denn an diesem Samstag musste wirklich niemand hungern, der in Tabgha zu Besuch war.

Liebe Blogleser, das war es für heute. Woche 2 der Galiläa-Exkursion folgt in kürze. Was bleibt nun am Ende eines Blogeintrags zu sagen, der sich eigentlich mit Galiläa beschäftigt, und in dessen Hintergrund doch die ganze Zeit, zumindest bei mir, die politischen Spannungen, die Toten und Verletzten auf beiden Seiten, herumgeistern?

Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens.  

Wo Hass herrscht, lass mich Liebe entfachen.  

Wo Beleidigung herrscht, lass mich Vergebung entfachen.  

Wo Zerstrittenheit herrscht, lass mich Einigkeit entfachen.  

Wo Irrtum herrscht, lass mich Wahrheit entfachen.  

Wo Zweifel herrscht, lass mich Glauben entfachen.  

Wo Verzweiflung herrscht, lass mich Hoffnung entfachen.  

Wo Finsternis herrscht, lass mich Dein Licht entfachen.  

Wo Kummer herrscht, lass mich Freude entfachen.  

O Herr, lass mich trachten:  

nicht nur, dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste,  

nicht nur, dass ich verstanden werde, sondern dass ich verstehe,  

nicht nur, dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe,  

denn wer gibt, der empfängt,  

wer sich selbst vergisst, der findet,  

wer verzeiht, dem wird verziehen,  

und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben.  

(Friedensgebet des Franz von Assisi, in einer Übersetzung von Olaf Schmidt-Wischöfer)

 

 

 

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