Du freie Stadt Jerusalem?

Liebe Menschen,

schon wieder ist Wochenende – mein Gott, die Zeit vergeht und ich werde auch nicht jünger, gell… 🙂

Ja, was habe ich denn zu berichten? Es klingt unglaublich, aber ich habe diese Woche Jerusalem tatsächlich nicht verlassen, dafür die Stadt aber dank zwei Exkursionen noch ein wenig besser kennengelernt. Am Dienstag haben wir uns mit Tamar Avraham wieder mit Politik beschäftigt: das Spannungsverhältnis von Judentum und Ostjerusalem stand auf dem Programm. Mit der Staatsgründung Israels kamen viele Probleme auf, die wohl bekannt sein werden: Wer hat denn nun Anspruch auf dieses kleine Land und wer darf seine Ansprüche wo geltend machen? Die Juden argumentieren damit, dass sie schon vor 3000 Jahren im Land waren und dann vertrieben worden sind, die arabische Bevölkerung blickt ihrerseits auf eine lange Geschichte im Land zurück. Ebenfalls allgemein bekannt sind die Konsequenzen, die sich ergeben: Teilungen eines Landes, das flächenmäßig so groß ist wie Hessen, die sich bis nach Jerusalem hereinziehen. Ostjerusalem ist unter arabischer Aufsicht, doch haben die Israelis auch hier überall ihre Finger mit im Spiel, was sich nicht zuletzt in der Präsens von öffentlichen Gebäuden in den Teilen der Stadt und in der Siedlungspolitik zeigt. Ich möchte mit Wertungen vorsichtig sein und lediglich auf die Spannungen hinweisen, die nicht nur an den Checkpoints, sondern auch in der Stadt, die doch die heiligste aller Städte sein soll, spürbar sind.

Schild der Via DolorosaUnd so zeugt die Via Dolorosa, der „Leidensweg Christi“ bis heute von einem Weg des Leidens, denn geht man in die Seitenstraßen und achtet auf die kleinen Dinge, dann sieht man, dass hier Konflikte ausgetragen werden, die so gar nichts mit Frieden zu tun haben.

Aufgang TempelbergDa die Jerusalemer Altstadt (ca. 1 km2) auf ihrer kleinen Fläche die drei großen monotheistischen Weltreligionen beherbergen muss, stolpert man eigentlich ständig von Heiligtum in Heiligtum, aus der Kirche in die Synagoge, von der Moschee in eine alte Ausgrabung – klar, dass hier alles irgendwie streng geregelt und bewacht ist und irgendwie doch jeder das tut, was er möchte. Auf dem Foto oben sieht man einen Aufgang zum Tempelberg, der stets scharf bewacht wird – denn Nicht-Muslimen ist der Aufgang nur zu bestimmten Uhrzeiten erlaubt. An die Militärpräsenz muss man sich gewöhnen, der Anblick von locker an der Hüfte getragenen Maschinenpistolen ist zur Normalität geworden.

Die politische und religiöse Situation ist so dermaßen komplex, dass ich jedem, den dieses Thema interessiert, nur empfehlen kann, sich mal ein paar Bücher dazu durchzulesen. Meinen Blog würde das sprengen und ich glaube, dass ich selber auch noch nicht den vollen Durchblick habe.

übermaltes SchildSowas kommt halt vor – übermalte Straßenschilder. Wie es eigentlich aussieht, siehe oben.

Abgesehen von politischen Teilen haben wir uns am Dienstag auch mit jüdischer Geschichte beschäftigt und sind nicht nur durch das jüdische Viertel gelaufen, sondern haben auch Synagogen besucht. So waren wir zum Beispiel in den vier sephardischen Synagogen – vier Synagogen, die aber mit der Zeit in ein großes Gebäudekomplex übergelaufen sind, was zur Folge hat, dass man von der Synagoge in die Synagoge geht und zwar durch eine Synagoge.

doppelter ThoraschreinUnter anderem ist dort dieser wunderschöne doppelte Thoraschrein zu bewundern, in einem kleinen Museum kann man sich verschieden jüdische Gegenstände ansehen.

ThorarolleIn der Thora ist Gott durch sein Wort präsent. Die wertvollen Thorarollen werden deshalb mit größter Sorgfalt aufbewahrt und verziert. In der Mitte sieht man eine Thorarolle und links davon eine Krone, die dieser aufgesetzt werden kann.

Tifereth-SynagogeHier sieht man die Überreste der Tifereth-Synagoge, die, so ich mich recht erinnere, im Sechs-Tage-Krieg zerstört wurde (aber vielleicht vertue ich mich da auch). Jedenfalls sind ihre Ruinen hier zu sehen, weil es dazu eine schöne Geschichte gibt: Diese Synagoge hatte keine Kuppel, weil das Geld fehlte. Als nun der österreichische Kaiser Franz-Joseph seinerzeit ins Heilige Land kam, fragte er, warum diese Synagoge den keine Kuppel habe, worauf der Rabbiner antwortete: Die Synagoge verneigt sich vor Eurer Majestät! Das hat dem Kaiser wohl so gut gefallen, dass er das nötige Geld zum Bau der Kuppel spendete.

Machen wir einen Zeitsprung und gehen 3000 Jahre zurück. Vielleicht hat es der ein oder andere schon gemerkt: Jerusalem ist recht alt. Allerdings, und jetzt kommt der Clou, das, was wir heute als Altstadt bezeichnen, ist gar nicht die „richtige“ Altstadt. Es gibt nämlich noch eine viel ältere Stadt, die aber erst vor hundert Jahren bei Ausgrabungen gefunden wurde und sich außerhalb der heutigen Altstadtmauern befindet, und zwar südlich (L. meint das, ich hätte gedacht südöstlich) unterhalb des Tempelplateaus. (An dieser Stelle möchte ich meinen Onkel Andi ganz herzlich dazu einladen, nun gut zuzuhören, und by the way: ICH habe natürlich NICHT gegraben!) Das ist schon ein ziemlich beeindruckender Fund, wenn man bedenkt, dass das hier vielleicht die Stadt war, in der der große König David seinen Palast stehen hatte.

Davidstadt IBut be attentive! Das mit dem König David ist ja so eine Sache: gab es den denn nun oder ist das eine fiktive Person? Nescio, ich weiß es nicht!

Dennoch hat man hier also eine ziemlich große alte verbuddelte Stadt gefunden, die, auch wenn König David hier selbst nicht gelebt hat, wohl doch die Stadt ist, von der z.B. in den Psalmen die Rede ist. Wie Berge Jerusalem rings umgeben, so ist der Herr um sein Volk von nun an auf ewig. (Ps 125,2) Dieser Psalmvers wird von der Davidsstadt aus sehr viel verständlicher. Wenn man in der heutigen Altstadt ist, denkt man sich: „Hä? Von Bergen umgeben?“ Von etwas tiefer ergibt das gleich viel mehr Sinn und man war als Jerusalemer von vor 3000 Jahren tatsächlich umgeben von Bergen. Der Nachteil: Man musste eben auch immer ziemlich weit hinaufkraxeln, wenn man gen Tempel wollte.

ein ziemlich altes KloHier sieht man einen ziemlich alten Toilettensitz. Hätten wir den mal im Sinai dabei gehabt….

Wir hatten das Glück und durften uns mehrere Stunden von einem sehr bedeutenden Archäologieprofessor durch die Ausgrabungsstätte führen lassen – nur als es dann durch das unterirdische Wassertunnelsystem ging, hat die leicht klaustrophobisch angehauchte Annika gestreikt und sich stattdessen in die Sonne gesetzt, um sich Mitte Oktober ihren ersten Sonnenbrand zu holen. Man muss eben Prioritäten setzen, wenngleich ich dadurch wohl einen unglaublich faszinierenden Teil verpasst habe.

SilwanDie Davidsstadt liegt unmittelbar neben dem Stadtteil Silwan, vielleicht vergleichbar mit Köln-Chorweiler, nur schlimmer. Hier dürfen wir nicht alleine hingehen und immer wieder erschweren die Probleme mit der Nachbarschaft die Ausgrabungen. Dabei liegt z.B. die Wasserquelle, um die herum die Davidsstadt gebaut wurde, genau in diesem Stadtteil. Und die Bedeutung von Wasser habe ich hier kennengelernt…

Am Donnerstag Abend waren wir noch beim Vertreter des Vetretungsbüros Ramallah eingeladen. Da Palästina ja kein anerkannter Staat ist, gibt es dort auch keine Deutsche Botschaft, wohl aber ein Deutsches Vertretungsbüro. Und bei dessen Vertreter waren wir abends eingeladen zu einem lockeren Kennenlernen und spannenden Gesprächen.

Thematisch haben wir uns in der vergangenen Woche gemeinsam mit Prof. Gabriel mit Religion und modernen Gesellschaften beschäftigt, und dazu darf ich noch ein Essay schreiben, wo es um die Gottesfrage in der Verlagerung aus kirchlichen Institutionen hin in andere öffentliche Räume gehen soll, aufgezeigt an der Gegenwartsliteratur. Schauen wir mal, ob mir das gelingt.

Zum Abschluss ein Zitat, das uns der Archäologe am Donnerstag mitgegeben hat:

„When people say: I have been to Jerusalem already it’s like you say: I have read a book already. You have to come here over and over again.“

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Allgemein

2 Antworten zu “Du freie Stadt Jerusalem?

  1. Marcellus

    „Und bei dessen Vertreter waren wir abends eingeladen zu einem lockeren Kennenlernen und spannenden Gesprächen.“ … Ja, Ännschen, dat waren spannende Gespräche! 😀

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