O‘ zoapft is!

Grüß Gott und Servus!

Manche Momente im Leben sind ja nicht mehr anders einzukategorisieren als „skuril“ – und das in keinstem Fall negativ konnotiert! Einen solchen Moment hatte ich am Samstag Mittag, als ich zwischen vielen Arabern im Westjordanland einer bayerischen Blaskapelle zuhörte, die auf einem Oktoberfest fernab von München spielten, meine Kommilitonen mich einhakten und wir Wiener Walzer tanzend, uns im Kreis drehend und eine Polonaise hopsend die Aufmerksamkeit eines überwiegend arabischen Publikums auf uns zogen und uns wahrscheinlich klar als deutsche Touristen zu erkennen gaben – und spätestens, als wir laut „Ein Prosit“ sangen, durfte kein Zweifel mehr an unserer Herkunft bestehen.

Herzlich Willkommen auf dem 8. Taybeh Oktoberfest!

Oktoberfest

Parade durch Taybeh

tanzende Bayern Wiener Walzer Bayer beim Bierbestellen

Taybeh, das kleine christliche Dorf mit max. 3000 Einwohnern, liegt in der Nähe von Ramallah im Westjordanland. In diesem durchweg christlich geprägten Ort gibt es eine Brauerei, die das einzige palästinensische Bier braut, und zwar nach deutschem Reinheitsgebot: das Taybeh-Bier. Seit acht Jahren nun veranstaltet die Stadt Taybeh ein Oktoberfest, das von vielen internationalen Sponsoren unterstützt wird. Und so machte sich auch gut die Hälfte des Studienjahrs auf den Weg in das nicht weit entfernte Taybeh, wo wir ein Nachtlager bei Ordensschwestern vom Kreuz von Jerusalem aufschlagen durften und so das Fest auch in aller Ruhe genießen konnten, ohne abends rechtzeitig am Checkpoint sein zu müssen, bevor dieser schließt.

Oktoberfest außerhalb von München, geht das? Das geht schon, allerdings darf man nicht zu sehr auf Dirndl und Weißwurst pochen. Für bayerische Stimmung sorgte die bayerische Blaskapelle und eine Horde deutscher Studenten, die sich ganz nach Father Brown und dem Bergischen Jung dachte: „Humor is‘ ein Teil von Religion!“

so schön kann's sein!

KirchenoberenAuch alle Kirchenoberen waren vertreten und sprachen zu Beginn ein gemeinsames Gebet, bei dem es, wenn ich es in Ansätzen verstanden habe, vor allem um die Bitte für Frieden ging.

Und noch ein bisschen Heimatgefühl gab es tatsächlich beim Essen, besser gesagt Urlaubsgefühl. Denn Crepes mit Nutella esse ich ja sonst immer an der Alten Liebe in Cuxhaven…

Crepes mit Nutella

Ansonsten waren die Heimatgefühle eher mau, das machte aber auch nicht weiter etwas aus, denn das arabische Gefühl war stattdessen groß und sorgte für gute Stimmung.

arabische Tänzer

Was natürlich auch nicht fehlen durfte war eine Brauereiführung, die sich als vermutlich kürzeste Führung entpuppte, die ich je miterlebt habe: 5 Min Werbefilm, 3 Min die großen Kessel angeschaut – that’s it.

BrauereiSo schaut die Brauerei von außen aus.

Abfüllen der Flaschen

Die kurze Führung reichte aber auch aus, wir wollten schließlich die Biercompetition (und nein, kein Wetttrinken, sondern Maßkrüge stemmen!) miterleben!

Bier-Competition

Es folgte ein Abend voll Spaß, Musik, Tanz, Bier, neuen Bekanntschaften, Internationalität und Falafeln. Und am nächsten Morgen waren wir natürlich alle wieder fit und besuchten den katholischen Gottesdienst – allerdings auf Arabisch. Abgesehen davon, dass ich mir wieder gedacht habe: Latein als Liturgiesprache (zumindest beim Hochgebet) ist doch eine Option, über die man mal wieder nachdenken könnte, war ich sehr begeistert von diesem Gottesdienst. Gut, die Kirche ist extrem kitschig und entspricht nicht dem Bild, das ich von einer ästhetischen Kircheninneinrichtung habe.

katholische Kirche TaybehIm Original kommt der Kitsch viel besser zur Geltung, besonders der himmelblaue, mit Tülltüchern verschönerte Marienaltar. Generell aber sei zu sagen, dass die Kirche bis auf den letzten Platz gefüllt war, und die Hälfte davon waren Kinder und Jugendliche! Das sind Größenordnungen, von denen man in Deutschland nur träumen kann. Es war laut, es wurde gesungen ohne Ende und dennoch lag bei den entscheidenden Teilen eine andächtige Stille im Raum und die Messe wurde sehr schön zelebriert. Die drei Priester trugen auch nach der Messe noch selbstverständlich Soutane, es wirkte alles sehr „echt“ und authentisch. Und zur deutschen Pünktlichkeit: Wenn es heißt, der Gottesdienst beginnt um 9:30 Uhr, dann ist das ein arabischer Richtwert… Dafür machte der Hauptzelebrant bei der Predigtlänge unserem Kölner Kardinal in seinen Hochzeiten durchaus Konkurrenz.

arabisches Gotteslob

Mit einer Falafel in der Hand und einem Ohrwurm im Kopf (Yallah, yallah, yallah, yallah, heeey) setzten wir uns wieder ins Taxi nach Ramallah – und unser Sheroutfahrer hielt nach wenigen Metern erst einmal am Straßenrand mitten im Berghang an und ließ den Reifen wechseln. Willkommen im Orient!

So schön das Oktoberfest auch war, es bleiben immer ein paar Schattenseiten. Man wundert sich schon, wenn man für nicht einmal 2,50 € von Jerusalem nach Taybeh kommt – inklusive Umsteigen in Ramallah. Für das Geld komme ich in Köln nicht einmal vom Melatenfriedhof zum Dom. Kaum erreicht man Palästina und ist über den Checkpoint gekommen (was bei der Einreise kein Problem ist, zurück nach Israel wartet man gerne einmal etwas länger und wird ordentlich durchleuchtet), ändert sich die Landschaft – der Müll fliegt noch mehr in der Landschaft herum, die Häuser sind unfertig und oftmals verlassen -, kosten die Falafel nur noch 4 NIS (das ist nicht mal ein Euro) – und man wünscht sich nichts mehr als Frieden und Gerechtigkeit für dieses Gebiet.

über der Grenze

Ramallah

verlassene Häuser

Zum Abschlusslied sei zu sagen: ja, es ist emotional, pathetisch und vielleicht ein bisschen too much. Aber: Es wollte mir den Abend über, an dem junge und ältere Menschen verschiedenster Nationalitäten und Religionen zusammen tanzten und lachten und in Frieden feierten, nicht aus dem Kopf gehen. Und deswegen hat der Link seine Daseinsberechtigung – denn wo, wenn nicht in Gebieten, in denen kein Friede und keine Gerechtigkeit herrscht, sollte und dürfte dieses Lied gesungen werden?

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Allgemein

Eine Antwort zu “O‘ zoapft is!

  1. Walther Lipphardt

    Danke für das kontrastreiche Berichten über ausgelassene Herzlichkeit, den Kitsch über den man ja mal wegsehen kann und dann zurück in eine andere Realität. Habe herzhaft mitgelacht, aber dann auch den Ernst mit Euch geteilt. Lachen und Tränen – warum liegen die oft so nah beinand, gehen ineinander über?

    …. sollte doch wirklich öfter mal in Deinem Blog und den anderen auftauchen. Habt „gute Zeit“ und alles Gute

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