Ossèh shalom bim’romav

hu ya‘ ‚asseh shalom aläinu, veal kol jisrael, veimru, imru, amen. Der du Frieden schaffst in der Höh‘, gib deinen Frieden auch auf Erden deinem Volke Israel. Amen.

Am Mittwoch vergangener Woche wurde in Israel der höchste jüdische Feiertag des ganzen Jahres gefeiert – und wir Studenten waren mittendrin im Geschehen! Es war Jom Kippur, der Tag der Versöhnung. Seinen biblischen Ursprung hat dieses Fest in Levitikus 16, es bildet dort gleichsam den Höhepunkt des Pentateuch, der jüdischen Tora. In diesem Kapitel wird ein Fest aufgewiesen, aus dem sich der Jom Kippur heraus entwickelt hat. Es ging schon damals um ein Fest der jährlichen Sündenreinigung, die am Tempel vom Priester durchgeführt wurden für das ganze Volk. Dabei gab es einen schönen Ritus mit einem Stier, auf den die Sünden des Volkes übertragen wurden und der im Anschluss daran in die Wüste gejagt worden ist.

So soll er das Heiligtum von den Unreinheiten der Israeliten, von all ihren Freveltaten und Sünden entsühnen und so soll er mit dem Offenbarungszelt verfahren, das bei ihnen inmitten ihrer Unreinheiten seinen Sitz hat … Aaron soll seine beiden Hände auf den Kopf des lebenden Bockes legen und über ihm alle Sünden der Israeliten, alle ihre Frevel und alle ihre Fehler bekennen. Nachdem er sie so auf den Kopf des Bockes geladen hat, soll er ihn durch einen bereitstehenden Mann in die Wüste treiben lassen (Lev 16,16.21)

Dennoch ist fraglich, ob Lev 16 nicht eher „einfach Komposition“ ist und es wird angezweifelt, dass dieser Ritus tatsächlich in der hier geforderten Form am Tempel durchgeführt wurde. Spätestens nach der Zerstörung des zweiten Tempels 70 n.Chr. stand das Judentum vor großen Problemen: wo konnte Jahwe das Opfer nun dargebracht werden? Aus diesem Grund veränderten sich viele Riten und auch das Fest Jom Kippur veränderte sich, so dass es seine heutige Form erhalten hat.

Das Bild ist nicht so gut geworden, aber es zeigt in der Mitte hinten einen verneigten Mann und einen zweiten Mann, der ein Huhn über dem Kopf kreisen lässt. Zu dieser Bewegung werden Gebete gesprochen, Ziel ist es, dass die Sünden des Einzelnen auf das Huhn übertragen werden (also nix mehr mit dem Stier). An den Tagen vor Jom Kippur sieht man überall in Jerusalem immer wieder Menschen, die diesen Dienst anbieten.

Am Vorabend beginnt das 25-stündige Fasten (und zwar Essen und Trinken) sowie der erste Gottesdienst, in dem das Kol Nidre gesprochen wird, das kollektive Sündenbekenntnis, das sich an den 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets entlanghangelt und zu jedem Buchstaben die passenden Sünden nennt, die man bewusst oder unbewusst begangen hat oder haben könnte.

Martin und ich haben uns passend für den Synagogenbesuch angezogen (die Herren mit Kippa, die Damen in Rock und ellenbogenbedeckt) und machten uns auf den Weg zur Synagoge. Da man am Jom Kippur keine Lederschuhe trägt, war es herrlich mitanzusehen, wie auch die älteren jüdischen Damen und Herren, die sehr schick angezogen waren, in ausgetretenen Turn- und Stoffschuhen ihres Weges gingen. Da gibt es so eine herrliche Szene in der Serie Gilmore Girls, wo Emily nach Stars Hollow kommt und sich Schuhe von Lorelai ausleiht (Staffel I, Folge 17: Emily in Wonderland); die Gilmore Girls-Kenner unter uns werden sich den Anblick in Jerusalem nun besser vorstellen können 🙂

Wir haben uns an diesem Tag für die große Synagoge entschieden, die erst Anfang der 80er Jahre eingeweiht wurde, und in der sich orthodoxe Juden der aschkenasischen Richtung versammeln. Wir Frauen saßen oben auf der Empore, die Männer saßen im unteren Teil der Synagoge. Etwa zwei Stunden lauschten wir den Gesängen der Schola (das hatte fast oratorienartige Einlagen) und des Vorbeters, bekamen das Kol Nidre mit, hörten Tora-Lesungen und Predigt – natürlich alles auf Alt-Hebräisch und Ivrit, so dass das Verstehen mehr als nur eingeschränkt war. Im Anschluss an den Gottesdienst ist dann der Feiertag offiziell eingeläutet und somit stand das gesamte öffentliche Leben still.

Auf den Hauptstraßen, sonst gestopft voll mit Autos, fuhr höchstens der Notarzt. Einmal auf der Straße zurück ins Beit Joseph laufen, das geht nur an Jom Kippur! Es ist ungewohnt, diese sonst so laute Stadt, die einmal wöchentlich am Schabbat mehr oder weniger zur Ruhe kommt, nun mucksmäuschenstill zu erleben.

An Jom Kippur selber befinden sich zumindest die orthodoxen Juden den größten Teil des Tages in der Synagoge. Dort werden besondere Gebete gesprochen, an denen wir auch nach Belieben teilnehmen durften – sei es nun in einer orthodoxen oder einer reformierten Synagoge. Jerusalem war auch an diesem Tag wie leer gefegt, höchstens im arabischen Suq fand man offene Geschäfte, doch selbst hier war das geschäftige Treiben zurückgefahren.

Leere Straßen in der Altstadt…

… auch am Zionstor ist nichts los …

… und auf der Jaffa-Street, der großen Einkaufsstraße der Neustadt, findet sich keine Menschenseele.

Einzig Touristen sieht man in Grüppchen auftretend durch die Stadt laufen. Hin und wieder trifft man auf Juden, die Richtung Synagoge oder Klagemauer eilen.

Denn die Klagemauer ist gut bevölkert. An der „Western Wall“, dem letzten Überrest des zweiten Tempels, dem größten noch bestehendem Heiligtum des Judentums, trifft man sich wie in der Synagoge zum Gebet, natürlich auch hier streng getrennt nach Männer- und Frauenbereich.

Ziel von Jom Kippur ist es, dass der Mensch seine Sünden bereut und sein Name in dem Buch, das Gott zu Beginn eines jeden neuen Jahres (Rosh ha-Schana, Haupt des Jahres, bei uns Neujahr, war dieses Jahr um den 17. September) aufschlägt, eine positive Bewertung erhält.

Der Tag wird beendet mit dem Blasen des Schofar-Horns, ein Widderhorn, das seinen biblischen Ursprung u.a. in Gen 22 hat, der Opferung Isaaks durch Abraham, wo an seiner statt ein Widder geopfert wurde und die Hörner als Zeichen für die stellvertretende Sühne Israels stehen.

Das war jetzt alles recht theologisch heute, aber das gehört auch dazu – wenn ich es schaffe, kommt morgen ein Eintrag zu Sukkot, dem 7-tägigen Fest, das sich an Jom Kippur anschließt. Für heute aber gilt: Schalom!

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Allgemein

2 Antworten zu “Ossèh shalom bim’romav

  1. Ilona Weber

    Hallo Annika
    Nach Wochen habe ich es auch mal geschaft, mich bei dir zu melden. Ich bin aber aufgrund deiner Mutter trotz allem auf den neusten Stand. Es gefällt dir ja sehr gut und ich könnte mir ein paar Tage 36 Grad und mehr auch gut vorstellen. Du erlebst ja echt einiges und das kann dir auch keiner mehr nehmen. Die Gegend ist ja echt ein Traum .
    Kommst du auch gut mit dem Essen zurecht. Ich glaube, dass würde mir nach kurzer Zeit auf dem Wecker gehen, aber Geschmäcker sind ja verschieden. Hörmal, Ole muß ins Bett . Ich wünsche Dir noch eine schöne Zeit . Ich werde mich jetzt mal häufiger melden, versprochen. Laß es Dir gut gehen.
    PS: Du kannst super schreiben, wenn das mit diesem Studium nichts wird, werde Jornalist.
    Es grüßt Deine Tante Ilona und Ihre Männer

  2. Liebe Ilona, vielen Dank für deinen lieben Kommentar! Es geht mir wirklich super hier – und auch das mit dem Essen klappt gut 🙂 Wir werden hier deutsch-arabisch bekocht und die Stadt hat ja auch sonst alles an Nahrungsquellen zu bieten. Grüß mir deine Männer und bis bald! Anni

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