„Sie wollen ja auch nicht mit dem Knie ihrer Schwiegermutter auferstehen“

Der Alltag ist in Jerusalem eingekehrt – seit gestern haben die Vorlesungen begonnen. Nachdem wir uns den Vormittag mit islamischer Theologie und Philosophie beschäftigt haben, gönne ich mir nun eine mittagliche Auszeit in der Cafeteria der Dormitio mit einem leckeren Eiskaffee – das vermutlich einzige Getränk, das diesem Wetter angemessen ist.

Am Montag ging es auf eine erste „richtige“ Exkursion mit dem Busunternehmen unseres Vertrauens. Die Auguste Victoria auf dem Ölberg und das Grab Samuels standen für den Vormittag auf dem Programm. Am genannten Grabe – die Historizität dieses Ortes sei dahingestellt – durften wir uns erstmalig archäologisch mit einer Karte in der Hand betätigen. Dabei hat sich einmal wieder die These bestätigt, dass mein Orientierungssinn auch mit einer Karte noch ausbaufähig ist. Aber daran lässt sich ja hoffentlich arbeiten.

Obwohl man natürlich zugeben muss, dass Marcel, Andreas und ich schon sehr professionell aussehen!

Das Grab Samuels an sich ist schon eine interessante Sache. In einer Synagoge, die die ehemalige Krypta der Kreuzfahrerkirche ist, steht dieser Kasten, mit einem großen Tuch bedeckt. Zumindest der Teil des Raumes, in dem die Frauen beten, ist sehr klein und wirkt auf eine Katholikin wie mich nicht sonderlich andächtig, auch wenn die ganze Zeit gesummte Toraverse durch die Luft schweben.

„Samuel starb und ganz Israel versammelte sich und hielt für ihn die Totenklage. Man begrub ihn in seinem Haus in Rama. Danach brach David auf und zog in die Steppe Paran hinab.“ (1 Sam 25,1)

Im Anschluss an die kleine archäologische Erkundungstour fuhren wir in die Westbank. Die palästinensischen Autonomiegebiete sind natürlich aus der Presse ein Begriff, meine alltägliche Konfrontation mit diesem Thema geschieht bei jedem Blick aus dem Zimmerfenster: Dort sind nämlich nicht nur am Horizont die jordanischen Berge, sondern in sehr viel näherer Entfernung die Mauer zu sehen, die Israel von der Westbank trennt. Nun aber ging es mit dem Bus über einen Checkpoint und das, was bisher aus der Ferne zu sehen war, wurde plötzlich Realität: Als hätte jemand das Wasser abgestellt (und dem ist auch tatsächlich so) änderte sich die Landschaft schlagartig in ein graues Trübsal. Es ist das Gefühl, in einem großen Gefängnis zu sein, die Armut ist überall zu sehen und wird nur manchmal durchbrochen von herrschaftlichen Anwesen einiger weniger sehr reicher Menschen. Unser Zielort war Emmaus-Qubeibe, einem Alten- und Pflegeheim, das von deutschsprachigen Salvatorianerinnen geführt wird und eine Oase – sowohl landschaftlich als auch menschlich gesehen – darstellt in einem Gebiet, das von Sozialstrukturen geprägt ist, die von uns Deutschen kaum verstanden, geschweige denn nachempfunden werden können. Aber darüber werde ich sicherlich noch einmal ausführlicher berichten.

Den Abschluss bildete Abu Gosh, ein Benediktinerkloster in einem kleinen arabischen Dorf. Auch hier wieder das Gefühl, in eine Oase des blühenden Lebens und der Ruhe eingekehrt zu sein:

 

Gestern Nachmittag, nach einem ersten Vorlesungsblock am Vormittag, schleppten wir uns durch die Sonne den steilen Ölberg hinauf – ich sach dazu nur: der Freiburger Schlossberg ist ja ein Klacks! Die Anstrengung wurde aber entlohnt durch einen Besuch im archäologischen Institut bei Prof. Vieweger, der uns auf höchst amüsante Weise einen Einblick in die Jerusalemer archäologische Entstehungsgeschichte gab. Im Bezug auf eine sich verändernde Bestattungskultur stammt von ihm auch der Ausspruch, der den Titel dieses Eintrags ausmacht. Abschließend durften wir noch den Ausblick von der Terrasse hin aufs Tote Meer genießen – beeindruckend!

In diesem Sinne: Maacht et jot, bis bald!

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Allgemein

Eine Antwort zu “„Sie wollen ja auch nicht mit dem Knie ihrer Schwiegermutter auferstehen“

  1. die Toni

    Uiuiui, ist das schön, das zu lesen! Genieß die Zeit schön Annikalein, ich freu mich auf den nächsten Eintrag und schicke liebste Grüße!

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